Wirtschaftliche Krise

In einer Rede über die freie Marktwirtschaft kam Herr K. auch auf die große wirtschaftliche Krise zu sprechen, die zu dieser Zeit in fast allen Ländern der Welt herrschte. Er sagte: „Von der Krise des Geldverdienens der kleinen Leute ist nicht die Rede, wenn länderübergreifend der wirtschaftliche Notstand ausgerufen wird. Die Unteren, die darauf angewiesen sind, mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen, sind eigentlich immerzu in der Krise. Das verdiente Geld reicht meist nicht für das, was sie zum Leben brauchen und erst recht nicht für das, was sie sich vom Leben erwünschen.

Wenn von einer großen Krise die Rede ist, ist gemeint, dass das Geschäft des Gewinnemachens in Not geraten ist. Dabei fällt auf, dass bei dieser wirtschaftlichen Krise kein Zustand des Mangels, sondern des wirtschaftlichen Überflusses zu registrieren ist. Denn es mangelt weder an Produktionsstätten und Arbeitskräften noch an produzierten Gütern, alles ist im Übermaß vorhanden.

Von der Gebrauchswertseite her betrachtet“, sagte Herr K. „ist das, was für die Marktwirtschaft eine Krisenlage ist, ein höchst erfreulicher Zustand. Denn ginge es um eine Produktion für den gesellschaftlichen Bedarf, könnte alles munter weitergehen wie bisher. Es könnte weiter gearbeitet werden wie bisher, der pro­duzierte Reichtum würde unter die Leute gebracht, von einer Krise wäre nichts zu spüren.

Doch von einer marktwirtschaftlichen Auftragslage aus sieht dieser an und für sich erfreuliche Zustand der Wirtschaft ganz anders aus. Hier lautet der Befund: Es ist von allem zu viel da, und zwar zu viel im Verhältnis dazu, was sich noch gewinn­bringend verkaufen lässt. Die Folge dieser Krise des Gewinne­machens: Jede Menge gesellschaftlicher Reichtum, mit dem sich viel Nützliches anstellen ließe, muss vernichtet werden, weil er sich als nicht verkäuflich erweist. Fabrikanlagen werden ge­schlossen, massenhaft Leute entlassen, denn mit ihnen sind keine Geschäfte mehr zu machen.

Muss eigentlich noch erwähnt werden“, fragte Herr K. zum Abschluss seines Gedankengangs, „dass sich mit jeder Krise des Gewinnemachens die Krise der kleinen Leute verschärft? Wenn die Herren der Produktion in die Krise geraten, haben sie in den von ihnen Abhängigen das Mittel, mit Entlassungen und Lohn­kürzungen ihre Krise zu bewältigen.“

„Aber Herr K.“, sagte ein Teilnehmer der Gesprächsrunde, „ich finde ja richtig, was sie ausgeführt haben, doch was sehen Sie denn als Alternative zur Marktwirtschaft und ihren Krisen? Alle Versuche, die Marktwirtschaft durch eine sozialistische Plan­wirtschaft zu ersetzen, waren doch für die kleinen Leute auch kein Zuckerschlecken.“

„Das stimmt“, antwortete Herr K., „aber es gibt einen ent­scheidenden Unterschied zwischen einer Marktwirtschaft und einer Planwirtschaft. Wenn eine Planwirtschaft nicht zum Vorteil der kleinen Leute ist, muss man dafür Sorge tragen, dass eine bessere her muss. Gleiches lässt sich von der Marktwirtschaft nicht sagen. Denn diese ist von ihrer Zweckbestimmung her gar nicht zu verbessern. Jedenfalls nicht für die kleinen Leute.“

© HerrKeiner.com  14. Februar 2011