Weg von der Arbeiterpartei – hin zur Volkspartei

Herr Keiner hat zu seiner letzen Geschichte (Tageblatt vom 11.5.) einen Leserbrief erhalten, worin ihm vorgehalten wird, dass seine Bekannte, mit der er das Gespräch „Über das Wohl des Volkes“ geführt hat, mit ihren Ausführungen über die Rolle der deutschen Sozialdemokratie im 1. Weltkrieg nicht „nur wenig Ahnung von Friedrich Ebert, sondern von Geschichte allgemein“ habe. Der Tageblatt-Leser wandte sich dagegen, dass in der Geschichte behauptet wurde, dass der sozialdemokratische Politiker Ebert „dafür war, das Volk in den ersten Weltkrieg zu führen und auf den Schlachtfeldern bluten zu lassen“. Dazu hieß es in dem Brief: „Friedrich Ebert hat ganz bestimmt nicht sein Volk in den Krieg geführt, sondern der deutsche Kaiser Wilhelm II. Ebert wurde erst 1918 Reichspräsident, nachdem das ‚alte‘ deutsche Reich den Krieg verloren und der Kaiser abgedankt hatte.“

Herr Keiner zeigte den Leserbrief seiner Bekannten, worauf diese sagte: „Na ja, dieses kleine Missverständnis lässt sich leicht aufklären. Sicher war der Sozialdemokrat Ebert nicht der leitende Kriegsherr, doch er war als führendes Mitglied seiner Partei mitverantwortlich dafür, mit der parlamentarischen Zustimmung zu diesem Krieg die Arbeiterschaft auf das anstehende Gemetzel zwischen den Völkern eingeschworen zu haben. Denn das war kurz vor Beginn des ersten Weltkriegs noch gar nicht ausgemacht, dass sich die sozialdemo­kratische Partei auf die Seite des deutschen Kaisers schlug und ihm mit der Bewilligung der Kriegskredite den Segen dazu gab, das deutsche Volk in die große Schlacht zu führen. So ließ der Parteivorstand noch eine Woche vor Kriegsbeginn in der parteieigenen Zeitung ‚Vorwärts‘ verkünden: „Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die euch in Frieden knechten, verachten, ausnutzen, wollen euch als Kanonenfutter missbrauchen. Überall muss den Machthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Kriege! Es lebe die internationale Völkerverbrüderung.“

Darauf sagte Herr K.: „Vielleicht hilft es ja dem Leserbrief-Schreiber, die Kritik an einer Politik zum ‚Wohl des Volkes‘ besser zu verstehen, wenn man die Alternative kennzeichnet, vor die sich die sozialdemokratische Arbeiterpartei angesichts des unbedingten Kriegswillens des deutschen Staates gestellt sah: Sich entweder für das Überlebensinteresse der arbeitenden Klasse einzusetzen und zum Widerstand gegen die Kriegspläne der Regierung aufzurufen, oder aber sich für den deutschen Großmachtanspruch zu entscheiden, für dessen kriegerische Durchsetzung die Arbeiter nur als Bestandteil des deutschen Volkes, als die Befehlsempfänger ihrer Herrschaft, gefragt waren. In den Worten des damaligen deutschen Kaisers hieß das: ‚Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!‘ Und leider konnte sich der Kaiser mit dieser Ansprache auf den Gesinnungswandel der sozialdemokratischen Arbeiterpartei berufen, die nur ein paar Tage zuvor im Vorwärts verkünden ließ: ‚Die vaterlandslosen Gesellen werden ihre Pflicht erfüllen und sich darin von den Patrioten in keiner Weise übertreffen lassen.‘

Da meldete sich die Bekannte von Herrn K., sichtlich erregt, wieder zu Wort: „Ich habe das auch gelesen und halte das für einen klaren Verrat der SPD an dem jahrelang hochgehaltenen Versprechen, sich für einen gesellschaftlichen Umbruch und für die Abschaffung der gesellschaftlichen Klassenverhältnisse einzusetzen. Nicht lange zuvor waren die Mitglieder der Partei noch stolz darauf, von den Herrschenden als ‚vaterlandslose Gesellen‘ beschimpft zu werden.“

Darauf erwiderte Herr K.: „Ich kann Ihre Erregung gut verstehen, doch der Vorwurf des „Verrats“ ist fehl am Platz, denn er sagt nur etwas über die eigene Enttäuschung, statt mit Argumenten zu kritisieren, was die Sozialdemokraten auf den Weg des Patriotismus führte, der in der vorbehaltlosen Zustimmung zum 1. Weltkrieg seinen Ausdruck fand. Da gab es zwar immer noch das Hochhalten der Fahne der Revolution, doch in ihrer parlamentarischen Alltagsarbeit sah die  Partei im Staat schon längst nicht mehr ihren Gegner, sondern den zuständigen Adressaten ihres sozialen Verbesserungswillens. Was sie der Obrigkeit vorwarf, das war die rechtliche und politische Diskriminierung der Arbeiterschaft. Es ging um die Anerkennung der eigentumslosen Klasse als Bürger mit gleichen Rechten, wie sie den vermögenden Teilen der Bevölkerung zukamen. Die Arbeiter sollten als geachteter Teil des Volkes zum ‚Gemeinwesen“ dazu gehören. Deshalb hat sich die Parteiführung angesichts des bevorstehenden Krieges dazu entschlossen, ein Zeichen für diesen konstruktiven politischen Willen zu setzen: An die Stelle eines politischen Aufruhrs hat sie das Bekenntnis zum deutschen Patriotismus gesetzt. Zum Wohl der Nation, zum Schaden der vielen Mitglieder der Partei, die in diesem Krieg als ‚Kanonenfutter‘ ihr Leben lassen mussten“, sagte Herr K.

© HerrKeiner.com  5. Juni 2013