Was mit dem Mauerbau wirklich manifest wurde: Das Scheitern eines alternativen Nationalismus

Für die verantwortlichen Politiker und Meinungsmacher im System des „freien Westens“ reichte schon der Fingerzeig auf diese staatliche Grenzsicherungsmaßnahme, um das vernichtende Urteil unters Volk zu bringen: „Diese Mauer sagt alles!“ Da war kein weiterer Gedanke, keine Beurteilung der Motive der staatlichen Mauerbauer vonnöten, denn es verstand sich wie von selbst, im Sinne von: Seht euch das mal an, ein einziger Beweis für die „Unmenschlichkeit“ des kommunistischen Systems! Und diese Botschaft wurde mit jedem nur erdenklichen Aufwand weitergereicht, nicht nur an die vielen in- und ausländischen Touristen, die ganze westdeutsche Schuljugend wurde nach Berlin gekarrt, um bei der Besichtigung dieses Mauerwerks und im Gedenken an die damit verbundenen Opfer eine wichtige Lektion in Sachen „politischer Bildung“ mit auf den Weg zu bekommen. Die DDR – so die vermittelte politische Botschaft – war ein einziges „Völkergefängnis“. Fertig, aus. Kein Wort darüber, dass diese Grenzziehung auch eine politische Reaktion auf den Übergriffs-Standpunkt der BRD war, die staatliche Zuständigkeit für die Bürger der BRD zu beanspruchen und jeden rübergemachten Zoni gleich in das eigene Staatsvolk einzureihen. Kein Wort darüber, dass das Ausreiseverbot nur für die Staaten galt, die diesen gesamtdeutschen Zuständigkeitsanspruch der BRD teilten. Für die westliche Propaganda reichte es schon, dass die Bürger der DDR nicht zu uns reisen durften, um daraus das Argument gegen das „menschenunwürdige Leben“ im anderen Teil des deutschen Landes zu machen.

Dass diese westliche Kritik an der Mauer von vorne bis hinten verlogen war, ist allerdings nur die eine Sache. Die andere Sache ist die, dass die Begründung der DDR, mit der Mauer einen „antifaschistischen Schutzwall“ errichtet zu haben, ähnlich verlogen war. Dass die vielbeschworene „Einheit von Volk und Staat“ pure Propaganda war, die am Ende nur noch mit den Mitteln der Staatsgewalt – mit Mauer und Schießbefehl – aufrecht erhalten werden konnte.

Auch die Staatsgründer im Osten waren für die nationale „Wiedervereinigung“ – aber nur in einem guten Deutschland

Darauf muss man als Kommunist erst einmal kommen: Sich des „Leidens“ der deutschen Nation unter der „Teilung“ anzunehmen und sich zum Programm zu machen, den alten Besitzstand des deutschen Reiches wiederherzustellen. Kein Wort darüber, dass „Nation“ nichts anderes als der Rechtstitel einer Staatsgewalt ist, der eigentlich nur zu einer Gewalt passt, die als politische Klammer einer Klassengesellschaft agiert und den herrschenden Interessensgegensätzen eine zweckdienliche staatliche Einheit verpasst. Die Kommunisten der DDR hatten im Gegenteil schwer was übrig für die Nation, sie mochten das Gemeinschaftliche, was sie darin verwirklicht sahen:

„Die Nation ist eine Entwicklungsform der Gesellschaft, historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen.“ (Kleines politisches Wörterbuch, Berlin-Ost, S.567)

Dass den Angehörigen einer Nation die Gemeinschaftlichkeit mit Gewalt aufgeherrscht wird, brauchte da nicht weiter zu interessieren. Hauptsache es gelingt, die Bürger „stabil“ auf das große Ganze zu verpflichten.

Und es war auch nicht weiter der Rede wert, welche staatlichen Berechnungen die Siegermächte hatten, wenn sie dem Kriegsverlierer Deutschland einen politischen Gesinnungswandel vom Faschismus zum „Antifaschismus“ verordneten. Für die Kommunisten in der sowjetischen Besatzungszone las sich das wie eine Rechtfertigung ihrer geplanten Staatsgründung:

„Die gemeinsamen Beschlüsse der Großmächte der Antihitlerkoalition, insbesondere das Potsdamer Abkommen, ermöglichten und erforderten eine koordinierte Politik der Alliierten zur Vernichtung von Faschismus, Imperialismus und Militarismus und zur Sicherung der demokratischen Umgestaltung in ganz Deutschland. (Kleines politisches Wörterbuch, S. 808)

Dass in Wahrheit in dieser „gemeinsamen Erklärung“ höchst unterschiedliche Auffassungen der Siegermächte darüber zum Tragen kamen, wie die besetzten deutschen Gebiete am besten dem eigenen Machtbereich zuzuordnen waren, mussten die Kommunisten im Osten bald erfahren. Im Westen des Landes machten sich wieder die alten „reaktionären Kräfte“ breit, womit bewiesen war, dass es einzig an der „Spalterpolitik“ der BRD lag, dass aus der so wichtigen Forderung nach einer „Wiedervereinigung“ des Landes nichts werden konnte:

„In den westlichen Besatzungszonen dagegen betrieben die imperialistischen Westmächte und Kreise des deutschen Monopolkapitals unter Missachtung der Lebensinteressen des deutschen Volkes und unter offenem Bruch der gemeinsamen Festlegungen der Alliierten, die das Ausscheiden Deutschlands aus dem imperialistischen Lager verhindern und die Schaffung eines einheitlichen und demokratischen Staates vereiteln sollte.“ (Ebenda)

So ein Unsinn! Der Wiederaufbau des Kapitalismus in Westdeutschland, die Wiederbewaffnung und Eingliederung in ein imperialistisches Bündnis, eben das war der Weg für die Bundesrepublik, das eigene nationale Interesse – auch das an der „Wiedervereinigung“ wirksam voranzubringen. Davon wollten die Staatsgründer im Osten des Landes nichts wissen. Die sahen schon wieder den „Faschismus“ heraufziehen.

Der „Antifaschismus“ der DDR war auch das probate Mittel, sich in einer feindlichen Umwelt als Staat zu behaupten

 Schon vor dem Ende des 2. Weltkrieges hatte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands damit geworben, dass Deutschland einen staatlichen Neuanfang braucht, der eine Rückkehr zu den alten faschistischen Verhältnissen ausschließt. Doch die Kritik der Kommunisten galt nicht den Interessen der faschistischen Nation, es mit Krieg und Eroberung zu neuer Größe als deutscher Weltmacht bringen zu wollen. Im Visier der Kritik standen all diejenigen „Kräfte“, die mit ihren jeweiligen Sonderinteressen die Nation „missbraucht“ und ins Verderben gestürzt hatten. (Auch die Flugblätter der KPD während der Nazi-Herrschaft folgten diesem schlechten patriotischen Muster: Hitler wurde als ein „kurzsichtiger und dummer Politiker“ kritisiert, der mit seinem „Abenteurertum“ die „Zukunft Deutschlands“ aufs Spiel setzte.)

Also war für die Verfechter eines neuen, politisch gewandelten Deutschland klar, dass diese staatsfeindlichen Kräfte aus dem Verkehr gezogen werden müssen, wenn der nationale Neubeginn gelingen soll:

„Das wird ein Deutschland ohne die Herrschaft der plutokratischen Hyänen und der faschistischen Räuber sein, ein Deutschland, in welchem unser ehrliches und arbeitsames Volk die Macht ausüben wird.“(Aufruf des ZK der KPD 1943 – Wilhelm Pick, Walter Ulbricht u.a.)

Klar, sonst hätte wieder der Kapitalismus Einzug gehalten und gleich von Beginn an die Herrschaft der kommunistischen Partei unterminiert und dem Einfluss der „kapitalistischen Monopole“ ausgeliefert. Ein derart „antifaschistischer“ Staat war selbstredend auch im Interesse der kommunistischen Siegermacht Sowjetunion, die ihren neu errungenen Besitzstand sichern und von allen „zersetzenden Bestrebungen“ frei halten wollte. Doch so offen und ehrlich wollten die deutschen und sowjetischen Kommunisten ihr Interesse am Aufbau der neuen „Deutschen Demokratischen Republik“ nicht kundtun. Da redete man viel lieber von dem „ehrlichen und arbeitsamen Volk“, das in dem neuen Staatswesen die Macht ausüben sollte. Welch ein Hohn! Denn so reden Politiker, die von ihrem Volk nur das Eine wollen: Ebenso brav wie fleißig die Dienste zu erbringen, die von ihnen verlangt werden.

 Der Kapitalismus lässt grüßen: Auch die DDR wusste die Vorzüge der Arbeit für Lohn zu schätzen

 Wie begehrlich der Blick der Kommunisten auf das „ehrliche und arbeitsame Volk“ war, zeigt sich schon ganz praktisch daran, dass die Lohnarbeit, die dem Kapitalismus als „Ausbeutung“ vorgeworfen wurde, in der DDR nicht abgeschafft wurde, sondern zu neuen, staatlichen Ehren kam. Ganz offensichtlich fanden die Kritiker der Lohnarbeit diese nur so lange schlecht, wie der aus der Lohnarbeit herausgeholte Mehrwert den Falschen zu Gute kommt: den als „profitgierig“ ausgemachten privaten Kapitalisten. Und auch theoretisch wussten die DDR-Sozialisten ihre staatliche Form der Lohnarbeit zu rechtfertigen. Was Marx am Kapitalismus als das Verhältnis von notwendiger Arbeit (notwendig, um den Arbeiter als Arbeitskraft zu erhalten) und Mehrarbeit (deren Erträge gehören dem Anwender der Arbeit) zu kritisieren wusste, waren für die Partei-Theoretiker in der DDR „Kategorien jeder gesellschaftlichen Produktionsweise“, die deshalb selbstverständlich auch in ihrem Staat zur Anwendung kommen mussten:

„ In den auf Privateigentum beruhenden Gesellschaftordnungen eignen sich die Ausbeuter die Ergebnisse der Mehrarbeit an. Im Kapitalismus nimmt das durch die Mehrarbeit geschaffene Mehrprodukt die Form des Mehrwertes an. Im Sozialismus ist die Mehrarbeit notwendige Arbeit für die Gesellschaft.“ (Kleines politisches Wörterbuch, S. 534)

In Wahrheit machte die eingeforderte Arbeit für eine bestimmte Summe Ost-Mark jedes sachliche Verhältnis einer planmäßigen Arbeitsteilung, in der jeder zum gesellschaftlichen Reichtum, der für alle da ist, von vorneherein zunichte. Die Arbeiter hatten für ein – mehr oder weniger – knapp bemessenes Geld zu arbeiten, von welcher Art der produzierte Reichtum war und was mit ihm angestellt wurde, das ging sie nichts an. Was auch daran zu sehen war, dass in der DDR die Zahlung von Lohn als „staatliches Instrument“ dafür zum Einsatz kam, die „materielle Interessiertheit“ der Werktätigen an ihrer Arbeit zu stimulieren. Ein offenes Eingeständnis, dass auch das Werkeln in der DDR „entfremdete Arbeit“ war, also nicht von den Bedürfnissen und Zwecken der Werktätigen bestimmt war. Die hatten sich mit der Auskunft zufrieden zu geben, dass ihre Mehrarbeit „notwendige Arbeit für die Gesellschaft“ war. „Gesellschaft“, das war ein unumstößlicher Wert, also nicht weiter zu hinterfragen.

Die politisch verordneten Interessensgegensätze wurden nicht ausgetragen – sie wurden penetrant geleugnet

 Das ist ja nur allzu offenkundig: Wenn die führende Partei in der DDR tagein, tagaus davon spricht, dass in ihrer schönen Republik die „Einheit von Volk und Staat“ verwirklicht, dass alles vorhandene Eigentum nicht nur dem Volke „zu eigen“ ist, sondern auch permanent zu dessen Wohl und Lebensfreude zum Einsatz kommt, dann hat sie es nötig, gerade weil die politisch geschaffene Realität eine andere Sprache spricht. Diese Realität wurde in der DDR nicht nur penetrant schöngeredet, diese dauernde Beschwörung einer nationalen Übereinstimmung, in der alle Interessen bestmöglich zum Zuge kommen, hatte immer auch und unmissverständlich die Form einer Drohung: Wer daran zweifelt, macht sich verdächtig, womöglich ein Gegner des Sozialismus und seiner „großen Errungenschaften“ zu sein. Mit „Abweichlern“ wurde sich nicht auseinander gesetzt, sie wurden kriminalisiert und entsprechend mit den Mitteln der Staatsgewalt behandelt. Nicht einmal in Wahlen duldete die Partei ein paar Prozent Widerspruch, mit Massenaufmärschen vor der Führung, mit überall im Land aufgehängten Spruchbändern – die nationale Übereinstimmung wurde immer aufs Neue öffentlich in Szene gesetzt. Und auch in Liedern besungen:

„Die Partei, die Partei, die hat immer recht. Sie hat uns alles gegeben, Sonne und Wind und sie geizte nie. Was wir sind, sind wir durch sie. Sie hat uns niemals verlassen. Fror auch die Welt, uns war warm. Uns schützt die Mutter der Massen, uns trägt ihr mächtiger Arm.“

Das hört sich nicht nur an wie eine große Volks-Verarschung, das war auch eine.

Mit dem Mauerbau war klargestellt, wie die „Einheit von Volk und Staat“ zu sichern ist: mit staatlicher Gewalt

 Die Führungsspitze der DDR hat immer gebetsmühlenartig das Wirken „revanchistischer Kräfte“ und deren „feindselige Propaganda“ in den Massenmedien der BRD dafür verantwortlich gemacht, dass immer mehr Bürger der DDR dem „Sozialismus“ den Rücken kehrten, um im bundesdeutschen Kapitalismus ein Auskommen zu finden. Sicher, diese „Kräfte“ gab es, wenn auch nicht so moralisch verwerflich, wie sie von Seiten der DDR dem eigenen Volk vorgestellt wurden. Denn das waren allesamt „normale“ Parteigänger eines demokratischen Kapitalismus, die danach trachteten, mit einem System, das sich der Freiheit des privaten Eigentums verschloss, aufzuräumen, um die Menschen von der „Unfreiheit“ zu erlösen und Land und Leute wieder für eine geschäftliche Nutzung zugänglich zu machen. Doch wie dem auch sei, was hätten diese Kräfte eigentlich an Propaganda entfalten können, wenn es in der DDR gesellschaftliche Verhältnisse gegeben hätte, in der „das Wohl aller“ keine ideologische Phrase, sondern eine gemeinsam geplante und hergestellte Realität gewesen wäre? Wenn es Verhältnisse gegeben hätte, in denen das Denken der Leute gefragt gewesen wäre und nicht der Opportunismus einer untertänigen Gesinnung?

Die SED hat sich solche Fragen gar nicht erst vorgelegt. Für eine Diskussion über die Fehler ihres „Sozialistischen Aufbauwerks“ war sie nicht zu haben. Sie war so verblendet von der einzigartigen Güte ihres gesellschaftlichen Machwerks, dass das „Böse“ – so ihre moralische Deutung der Dinge – nur „von außen“, nur von den „Feinden des Sozialismus“ ins Land hereingetragen worden sein konnte. Dagegen setzte sie sich mit dem Bau der Mauer zur Wehr, was einem eigentümlichen Offenbarungseid gleich kam: Über kein überzeugendes Argument zu verfügen, ihre Bürger von der geplanten „Republikflucht“ abzuhalten. Das Argument, was sie schließlich aufbot, war einzig das der Sprache der Gewalt. Die hatte die Partei in den Händen und mit Grenzsicherung und Schießbefehl umstandslos zur Anwendung gebracht. Mit einer klaren Botschaft an das Volk der DDR mit: Um Eure Belange geht es nicht, Ihr seid Staatsbesitz und mit eurer Arbeitskraft zum Dienst an der Nation verpflichtet! Egal, ob ihr das wollt oder nicht.

Fazit:

Der Fall der Mauer beweist nicht – wie gerne behauptet –, dass die DDR an ihren „inneren Widersprüchen“ zugrunde gegangen ist. Damit kann ein Staat lange leben und mit seiner Gewalt den Laden zusammen halten. Auch die Bürger der DDR haben die Staatsgewalt nicht bezwungen, dafür haben – wie schon erwähnt – auswärtige MachtInteressen gesorgt, nach denen sich die einstigen Untertanen der DDR nun schon wieder richten müssen. Als Angehörige des deutschen Volkes, denen bald nach dem Fall der Mauer eine neue Herrschaft zugeteilt wurde. Ganz planmäßig.

© HerrKeiner.com  19. Dezember 2014