Warum deutsche Politiker von den politischen Gründen des Antisemitismus nichts wissen wollen.

Angela Merkel am 6.12. 2019  in Ausschwitz:

„Ich empfinde tiefe Scham, wenn ich an die Verbrechen denke, die an diesem Ort von Deutschen verübt wurden. Was hier geschah, ist mit dem menschlichen Verstand nicht zu erfassen.“

Doch, diese von Deutschen verübten Verbrechen sind mit dem Verstand zu erfassen. Jedenfalls dann, wenn man diesen gebrauchen und nicht den Irrglauben verbreiten will, die Ausrottung der europäischen Juden sei eigentlich etwas menschlich Abartiges gewesen, also nicht die brutale Konsequenz eines deutschen Nationalismus, der – von den Nazis angeleitet – auch in der deutschen Bevölkerung auf große Zustimmung stieß. Dabei gibt Merkel selbst einen Hinweis darauf, dass bei diesen Mordtaten nicht irgendwelche brutalisierten „Menschen“ am Werk, sondern Menschen in ihrer Eigenschaft als Deutsche, also als Parteigänger ihres nationalen Kollektivs unterwegs waren. Denn die Mehrheit der Deutschen teilte die nationalistische Lage-Diagnose eines Adolf Hitlers, für die „aktuelle Schwäche der Nation“ nicht nur Feinde im Ausland („Schmach von Versailles“), sondern auch „volksfeindliche Kräfte“ im Inneren der nationalen Gemeinschaft verantwortlich zu machen: Die Juden als „Volk im Volke“ – die waren in dieser deutschen Sicht der Dinge als die geborenen Volksfeinde ausgemacht, die dem Wiederaufstieg der Deutschen als einer besonders wertvollen menschlichen Rasse im Wege standen.

Im Übrigen legt sich diese inszenierte Fassungslosigkeit, wie sie im Falle des Holocaust von den Politiker an den Tag gelegt wird, wieder ganz schnell, wenn die Sprache auf die vielen Millionen Kriegstote kommt, die auf das Konto des Nationalsozialismus gehen, vor allem in den Ländern des europäischen Ostens. Auch hier wurden in der Propaganda der nationalsozialistischen Moral lauter „Untermenschen“ und „Barbaren“ niedergemacht, die einfach nur im Wege waren, wenn es galt, den staatlichen „Lebensraum“ für das gute Volk der Deutschen nachhaltig zu erweitern.

Doch anders als die uniformierten Täter und Handlanger in den Konzentrationslagern taten diese Befehlsempfänger der Nazis „nur ihre Pflicht“, konnten sich also nach dem Krieg gleich um den Aufbau einer neuen deutschen Armee oder um den Aufbau des neuen Spionagedienstes namens BND verdient machen. Soldaten sind nach amtlicher Auffassung nun mal keine Mörder, und kein Politiker in diesem nun demokratischen Deutschland käme auf die Idee, der Massenvernichtung von Polen, Russen oder Griechen mit einem raumgreifenden „Mahnmal“ in der alten und neuen Hauptstadt Berlin zu gedenken. Hier weiß der „menschliche Verstand“ der Politiker sehr genau zu differenzieren und zeigt damit, wie nahe ihm der Kriegswille des Hitler-Staates steht, durch Eroberung neuen „Lebensraumes“ die Machtgrundlagen des deutschen Staates zu erweitern und so die „Schmach von Versailles“ erfolgreich aus der Welt zu schaffen. Doch im Falle der Massenmordes an den Juden, da hat sich der demokratische Nachfolgestaat des 3. Reiches mal was Neues einfallen lassen. Mit einigem Aufwand.

Das neue Deutschland macht auf „Erinnerungskultur“ – für sich!

„Deutschland ist nach den Verbrechen der Nazi-Zeit den Weg der aktiven Erinnerungskultur gegangen. Dieser Weg hat unser Land zukunftsfest gemacht.“ (Regierungssprecher Seibert am 20.1. 2017)

Diese zwei Sätze waren die Antwort der Regierung auf eine Rede des AfD-Politikers Höcke, der die Deutschen als „das einzige Volk der Welt“ bezeichnet hatte, „das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“. Diese nationalistische Kritik hatte zwar einige Jahre zuvor fast wortgleich der Spiegel-Herausgeber Augstein formuliert, stand aber damals nicht – wie im „Fall Höcke“ – wegen Verdachts des „Rechtsextremismus“ im Fokus der  demokratischen Medien und des Verfassungsschutzes.

Wie auch. Denn genau genommen handelt es sich bei Befürwortern und Gegnern dieser Art „Erinnerungskultur“ ersichtlich nur um unterschiedliche Strategien, wie man zum Wohl der Nation mit der „Schuld der politischen Vergangenheit“ umzugehen hat. Während die Einen mit dem „Es ist lange genug gebüßt“ dieser Art „Erinnerungskultur“ ein Ende machen wollen, verweisen die anderen auf die politische Produktivkraft eben dieser Art „Vergangenheitsbewältigung“, die mit dem Spruch „Es darf keinen Schlussstrich geben“ (Merkel in Auschwitz) vor allem auf sich und ihr Land aufmerksam machen wollen: eben als das feine neue Deutschland, das – historisch einmalig – dieser „aktiven Erinnerungskultur“ mitten in der Hauptstadt einen „großartigen Raum“ gibt. Mit einer Botschaft über den Holocaust, wie sie sie unpolitischer nicht sein kann: Das „Schreckliche“ muss in der Erinnerung „wach gehalten“ werden, damit „so etwas“ nie wieder passiert!

Derweilen passiert ähnlich Fremdenfeindliches gerade in Europa, nämlich aus dem  gleichen Geist nationalistischer Sortierung, wie er im Falle der Juden im 3. Reich zur Anwendung kam: Gute Deutsche, Italiener, Ungarn usw. sehen in den Fremden, den Flüchtlingen nämlich, die größte Gefahr für den Bestand ihrer nationalen Volksgemeinschaft. Angeführt von Politikern, die vor „zunehmender Überfremdung“ warnen und bei den Flüchtlingen – wie seinerzeit bei den Juden – aus nationalmoralischer Sicht wieder mal nur „niedere Motive“ am Werk sehen:  Die sind nur hinter „unserem Geld“ her und wollen als „Ayltouristen“  nur „unsere Sozialkassen plündern“.  Folglich: Diese Fremden haben „bei uns“ nichts zu suchen!  Mit bekannten und ziemlich unschönen Folgen.

Deutschland macht sich schon wieder breit in Europa – die geschädigten „Partner“ haben auch ein „nationales Gedächtnis“

Die Behauptung des Regierungssprechers, dass die deutsche Art der „aktiven Erinnerungskultur“ das Land „zukunftsfest“ (Seibert) gemacht hat, ist vor allem eines: ziemlich lächerlich. Denn unter konkurrierenden Bündnis-Nationen wird solchen moralischen Selbstdarstellungen zwar in der Regel mit diplomatischer Höflichkeit begegnet, doch diese sind als nationale PR-Aktionen zugleich immer auch durchschaut. Die Deutschen wollen mit ihrer „Erinnerungskultur“ aller Welt beweisen, wie sehr sie aus der Vergangenheit gelernt haben und zeigen, dass aus dem bösen Staat von damals heute ein gutes und friedliches Gemeinwesen geworden ist? Das glauben – wenn überhaupt – nur die Nationalisten hierzulande, die ausländischen Herrschaften mitsamt ihrer parteilichen Bevölkerung sind da selbstredend ganz anderer Meinung. Was deutlich daran zu sehen ist, dass im europäischen Ausland, das von Deutschlands Wiederaufstieg betroffen gemacht ist, das Hitler-Bärtchen im Gesicht der Frau Merkel in der jeweiligen nationalen Protestkultur seinen festen Platz hat.

Denn für Polen, Ungarn, Italiener, Griechen usw. steht fest: Die Deutschen versuchen es schon wieder, uns ihren Willen aufzuzwingen. Dieses Mal nicht mit den Mitteln militärischer Gewalt, sondern mit der Überlegenheit ihres Kapitalismus, der den weniger erfolgreichen Staaten lauter Vorschriften macht, wie sie sich politisch zu benehmen und mit dem von Deutschland dominierten Gemeinschaftsgeld zu haushalten haben. Das ist für die patriotischen Gemüter in diesen Staaten wie: Da kommen die alten Hitlers auf neuen Wegen, die schwächeren Staaten unter ihre Kommando-Gewalt zu bringen.

Kein Wunder. Die anderen Nationen haben schließlich auch ihre nationale „Erinnerungskultur“, wie an den aktuellen Forderungen aus Polen und Griechenland nach hohen Reparationszahlungen für Mord und Zerstörung im letzten großen Krieg eindrücklich zu sehen ist. Doch diese Ansprüche werden  von deutscher Seite einfach abgeschmettert, also ersichtlich im Vertrauen auf die eigene Macht und die eingerichteten Abhängigkeiten, die das neue Deutschland auf seinem Erfolgsweg in Europa gestiftet hat. Deutschland hat sich an seinen europäischen Partner dumm und dämlich verdient und es so zu großer Macht und „viel Einfluss“ in Europa gebracht. Denn so und nur so zieht man die einzig wahren „Lehren aus der Vergangenheit“ und macht sein Land „zukunftsfest“:

Nie mehr scheitern auf dem Weg zu neuer deutscher Größe und Macht! Da kann man sich im Erfolgsfall sich auch mal großzügig eine „Erinnerungskultur“ spendieren.

© HerrKeiner.com  15. Dezember 2019