Wahrnehmungs-Fehler

Herr K. hat in vielen Fortbildungsveranstaltungen versucht, Lehrern die Schwierigkeiten des Schriftspracherwerbs zu erklären. Denn er hatte die Erfahrung gemacht, dass die meisten Lehrer den Rechtschreibfehlern ihrer Schüler hilflos gegenüber stehen. Sie konnten sich viele der gemachten Fehler nicht erklären, folglich auch keine sinnvolle Hilfe geben, wie die Fehler zu korrigieren sind.

Immer wieder kamen Lehrer zu Herrn K, die in etwa gleichlautend sagten: „Diese Lautverwechslungen sind mir ein Rätsel. Das geht doch nicht mit normalen Dingen zu: Ich glaube, dass hier eine Wahrnehmungsstörung vorliegt. Ich werde das Kind zum Schulpsychologen schicken, um anzufragen, ob dieser weiterhelfen kann.“

Nachdem sich Herr K. die Schriftproben der Schüler genau angeschaut hatte, sagte er zu all diesen Fällen, auch in etwa gleichlautend: „Die Schüler brauchen keinen Psychologen, sie brauchen einen besseren Sprachunterricht.“
Und Herr K. sagte weiter: „Nehmen Sie das bitte nicht persönlich, doch es liegt am Beruf des Lehrers, dass diese immer schnell bei der Hand sind, Schüler auszusortieren und in dem Urteil von Psychologen eine Hilfe haben, die sachlichen Schwierigkeiten mit der Sprache in den Schüler hineinzuverlegen, diese damit als sein persönliches Problem, als seine ‚Schwäche’ oder ‚Störung’ auszugeben.“

Dann erzählte Herr K. den Lehrern, dass die Lautverwechslungen der Schüler darauf zurückzuführen sind, dass die gesprochenen Laute nur als Einzellaut, wie beim Aufsagen des Alphabets, deutlich und klar zu vernehmen sind. Werden aber mit Wörtern und Sätzen die einzelnen sprachlichen Laute im Kontext anderer Laute gesprochen, so bewirkt das sprachliche Gesetz der Assimilation, dass ein Laut bestimmte Eigenschaften eines Nachbarlauts übernimmt und sich dadurch verändert.
Als Herr K. sah, dass die Lehrer Beispiele brauchten, um ihn besser zu verstehen, fuhr er fort: „Wenn die Schüler die Wörter

Bier oder Pferd in falscher Buchstabenfolge, nämlich als Bia oder Pfeat aufschreiben, dann haben sie die Aussprache dieser Wörter völlig richtig wahrgenommen und somit das Gehörte korrekt verschriftet. Das liegt an besagtem Gesetz der Assimilation, dass der r-Laut an dieser Stelle gar nicht zu vernehmen ist, sondern vokalisiert wird, d.h. wie ein schwachlautendes a gesprochen wird. Und wenn sie das d am Ende des Wortes Pferd mit t schreiben, dann haben sie auch richtig gehört, denn der weiche Zahnlaut d verhärtet sich im Auslaut und wird gesetzmäßig als t wahrgenommen.“

Die Lehrer staunten nicht schlecht und fragten Herrn K., ob dieses Phänomen auch in anderen Sprachen zu beobachten sei. „Wir haben viele Kinder von Ausländern in unseren Klassen, gibt es in deren Sprachen auch solche Probleme, die zu diesen Schreibfehlern führen können?“ Herr K. antwortete: „Ja, diese Phänomene sind in allen Sprachen zu finden. Im arabischen Mohammed, im englischen midnight, im deutschen Wald, in all diesen Wörtern wird das d wie t gesprochen. Das gleiche Phänomen gibt es auch umgekehrt, denn die Amerikaner schreiben zum Beispiel see you later alligator, sprechen aber see you lader alligador, was auch für die Deutschen im Fränkischen gilt, die späder statt später oder die Verkleinerungsform des Namens Peter als Pederle aussprechen.“

Als Herr K. sah, dass die Lehrer mit Freude bei der Sache waren, fügte er hinzu: „Diese Lautverwechslungen beruhen nicht auf sprachlicher Willkür, sondern in der Regel gehen nur die Laute ineinander über, die an der gleichen Artikulationsstelle gebildet werden. Das ist z.B. an der Verwechslung der Lippenlaute b und p sowie der Gaumenlaute g und k zu sehen: So verhärtet sich das b im russischen obschtschina, im indischen Sahib, im deutschen Obst, im italienischen obligo, im arabischen Abdullah usw. zu p, was für die Kinder, die ihre jeweilige Schriftsprache zu lernen haben, die gleichen Schreibprobleme mit sich bringt wie bei den Schülern, die die deutsche Schriftsprache zu erlernen haben.“

„Doch wie kommt es“, wollte eine Lehrerin wissen, „dass die Schüler portugiesischer Abstammung das Wort Schiedsrichter entweder Siedsrichter, Ziedsrichter oder, noch fehlerhafter, Zizrichter, schreiben?“

Herr Keiner lächelte und sagte: „Die ersten beiden Schreibweisen sind ein speziell portugiesisches, die letzteren ein internationales Problem. Im Portugiesischen wird der sch-Laut mal mit s, in anderen Wörtern wie in fiz=gemacht mit z geschrieben, was die Falschreibung des deutschen Wortes erklärt. Der geschriebene Buchstabe z andererseits ist das Zeichen für die zusammengesetzten Laute ts bzw. ds, was im dritten Wort die Falschschreibung erklärt.“

Die Lehrer staunten wieder nicht schlecht und fragten: „Warum hat uns das bisher niemand beigebracht? In unserer Ausbildung haben wir von all dem, was sie hier dargelegt haben, nichts gehört.“ Daraufhin sagte Herr K.: „Ich habe in meiner Ausbildung davon auch nichts erfahren, sondern musste eigene Studien betreiben. Dass dieses Wissen nirgendwo ins Schulsystem Einlass fand, hat im Denken der Schule seinen Grund. In den Schulbüchern werden die Regeln der Sprache nicht erklärt, die Schüler sollen das Schreiben durch das Speichern der Wortbilder, nach dem Motto ‚Schreiben lernt man durch Schreiben’ erlernen. Die Schule setzt nicht auf den Verstand der Schüler, sie unterfordert ihn systematisch, das heißt: Die Schüler müssen gar nichts begriffen haben, wenn das Gelernte von den Lehrern abgefragt wird, sie müssen den gelernten Stoff nur reflexartig wiedergeben können.“

Die Lehrer waren ersichtlich nachdenklich geworden, und Herr K. versprach, ihnen das Buch zum Thema „Schriftspracherwerb und Lese-Rechtschreibschwäche“, an dem er gerade arbeitete, zukommen zu lassen.

„Sind da auch praktische Übungen drin?“, fragte einer der Teilnehmer. Herr K., dem die Denkweise von Lehren vertraut war, musste lachen, und er sagte: „Ja, dreißig Seiten, aber die sind mit Erklärungen versehen. Da kann man sich das Denken nicht als Schüler, aber auch nicht als Lehrer ersparen.“ Die Lehrer, die ihn verstanden hatten, mussten ebenfalls lachen.

Lesetipp:

Berufliches Auswärts-Spiel

Herr K. und die Psychologie

© HerrKeiner.com  19. September 2012