Vorschlag zur Verbesserung der Grabpflege

Bei einem Gang über den Friedhof in der Nähe seiner Wohnung stieß Herr Keiner auf eine lange Reihe uniform gestalteter Gräber, deren Inschriften zu entnehmen war, dass die meisten der Toten nicht einmal die Mitte ihres Lebens erreicht hatten. Auf einem großen Stein-Monument war zu lesen, dass es sich bei den Toten um 48 Opfer eines Grubenunglücks handelte, das sich vor mehr als hundert Jahren ereignet hatte.

Etwa 50 Meter entfernt sah Herr K. eine weitere Gräber-An­sammlung, diesmal in 6-er Reihen. Es handelte sich um 24 Opfer eines weiteren Grubenunglücks, das sich drei Jahre später auf der gleichen Schachtanlage ereignet hatte.

Als Herr K. sah, dass sich die zuständige Bergwerksgesellschaft in beiden Fällen auf dem Monument für die ‚treue Pflichter­füllung’ ihrer Untergebenen bedankte, wurde er zornig. „Was ist das für ein Hohn“, sagte er zu seinem Begleiter, „die toten Bergarbeiter für eine Arbeit zu ehren, in der die Gefährdung von Leib und Leben ein kalkulierter Bestandteil der ‚Pflichterfüllung’ war. Vielleicht waren auch diese Arbeiter nicht Opfer eines ‚Unglücks’, sondern einer wirtschaftlichen Rechenweise, bei der die Kosten für Arbeitssicherheit den Gewinn schmälern, der mit der Arbeit unter Tage herausgeholt werden soll.“

Diese Überlegungen brachten Herrn K. auf den Gedanken, dass es von Nutzen sein könnte, die Gräber der Menschen gesondert zu kennzeichnen, die aus nicht-natürlichen, also gesellschaftlichen Ursachen zu Tode gekommen sind. Auf den Inschriften dieser Gräber müsste in wenigen, klaren Sätzen auf die Verhältnisse hingewiesen werden, die den Tod dieser Menschen zur Unzeit herbeigeführt haben. Im Falle der toten Bergleute könnte das so aussehen:

Hier ruhen die Opfer eines Grubenunglücks. Die Untersuchung des Vorfalls ergab, dass es kein Unglück war. Die Bergleute starben an den Folgen einer Wirtschaftsweise, welche mit lebensgefährlichen Arbeitsplätzen kalkuliert, um mit der Arbeit unter Tage Gewinne einzufahren. Die Arbeiter bezahlten mit ihrem Leben, dass an ihrer Sicherheit gespart wurde.

Wenn solche Grabinschriften Schule machen würden, könnte ein Gang auf den Friedhof für dessen Besucher sehr lehrreich sein.

So könnte zum Beispiel an anderer Stelle stehen:

Hier ruht Hans A. Ihm wurde amtlich bescheinigt, dass seine Arbeit krank macht. Es war seine ‚Berufskrankheit’, an der er starb.

Eine andere Inschrift könnte lauten:

Hier ruht Else O. Sie arbeitete bei einem Discounter. Sie ver­diente nur wenig und klagte über Schmerzen bei ihrer Arbeit. Beides zusammen hielt ihr Körper nicht länger aus.

Solche Grabinschriften könnten auch für eine bessere Stimmung auf den Friedhöfen sorgen. An die Stellung der gewöhnlich ge­trübten Stimmung könnte eine Aufwallung des Gemüts treten. An die Stelle der Klagen über das Schicksal könnte der Ärger über die gesellschaftlichen Verhältnisse treten, vielleicht sogar der Wille diese zu verändern.

Mit diesen Gedanken verließ Herr Keiner den Friedhof, sichtlich erfreut über seinen Vorschlag, die Tätigkeit der Grabpflege mit neuem Leben erfüllen zu können.

© HerrKeiner.com  14. Februar 2011