Volksgemeinschaft und Fremdenfeindlichkeit

Wenn wieder einmal fremdenfeindliche Übergriffe gemeldet werden, wenn Asylantenheime angezündet oder Menschen mit anderer Hautfarbe totgeprügelt werden, wird von Politikern und Medien immer aufs Neue die Botschaft verkündet: „ Fremdenfeindlichkeit gehört nicht zu uns, so etwas ist mit den Grundwerten unsere Gesellschaft unvereinbar.“

„Das ist gelogen“, sagte Herr Keiner in einer Diskussionsrunde, „denn die Unterscheidung zwischen ‚uns‘ und ‚denen‘, die als Ausländer ‚nicht zu uns gehören‘, die haben sich nicht die Bürger, die sich an Ausländern vergreifen, ausgedacht. Diese Unterscheidung finden sie vor, wenn sie in ihrer amtlich beurkundeten Eigenschaft als Deutsche, Franzosen oder Schweizer gegen diejenigen Menschen als ‚Fremde‘ vorgehen, die mit dem Mitgliedsausweis eines anderen Staates durch die Welt laufen. Die Ausgrenzung ist also schon längst vollzogen, wenn Einheimische als fanatische Anhänger ihrer Volkszugehörigkeit gegen Fremde vorgehen, um ihnen gewaltsam klar zu machen, dass sie hier – in ‚unserer Volksgemeinschaft‘ – nichts zu suchen haben. Die auf diese Weise handgreiflich gegen die ‚Gefahr der Überfremdung‘ angehen, die ihre Politiker immer beschwören, wenn wieder einmal mittellose Angehörige anderer Nationen ins Land strömen und um Arbeit und Auskommen nachsuchen.“

Da meldete sich ein Diskussionsteilnehmer zu Wort: „Ich habe erst kürzlich von einem Politiker gehört, der sagte, dass ‚Armutsflüchtlinge‘ hierzulande nichts zu suchen hätten, weil sie nur herkämen, um ein besseres Leben als daheim zu haben. Das aber sei ein ‚niederes Motiv‘, weil nur auf den ‚eigenen Vorteil‘ bedacht, also nicht von dem Willen getragen, die deutsche Volksgemeinschaft zu bereichern. Das wirft doch ein bezeichnendes Bild auf das, was von einem erwartet wird, sich als Mitglied einer Volksgemeinschaft zu bewähren.“

„Das stimmt“, sagte Herr K., „wenn Politiker große Reden über die ‚Zusammengehörigkeit‘ ihres Volkes halten, dann ist immer mehr gemeint als der faktische Zwangszusammenhang, in dem die Menschen als Untertanen ihren vorgeschriebenen Pflichten z.B. als Arbeiter oder Angestellter, als Mieter oder Steuerzahler nachzukommen haben. Würde man sich diese Pflichten einmal genauer anschauen, würde von einer Gemeinschaftlichkeit der Interessen in einem Staat nicht viel übrig bleiben. Die propagierte ‚Zusammengehörigkeit‘ ist eine der höheren Art: Jeder hat sich verantwortlich in den Dienst des Großen und Ganzen zu stellen, ganz ungeachtet dessen, welche Mittel ihm für den abgeforderten Dienst zur Verfügung stehen. Und damit ungeachtet dessen, dass der verlangte Beitrag zum Wohle der Nation für die einen notorisch zum Vorteil, für die große Mehrheit der Bevölkerung ebenso notorisch zum Nachteil ausfällt.“

„Jetzt wird mir klar“, meldete sich ein anderer Diskussionsteilnehmer, „was der wahre Grund für die staatliche Ausgrenzung von Angehörigen eines fremden Staates ist: Das eigene Volk hat man unter Kontrolle, das hat man sich per Staatsgewalt verfügbar gemacht, das muss das tun, was zum Wohle des Großen und Ganzen, also des Staates, erforderlich ist. Der Ausländer ist Untertan einer fremden Staatsgewalt. Der ist er verpflichtet und eben deshalb mit Argwohn zu betrachten, wenn er in einem anderen Staat um Aufnahme bittet. Motto: Der kommt sicherlich nicht hierher, um sich für ‚uns‘ in die Pflicht nehmen zu lassen.“

„Ja“, sagte darauf Herr K., „das müsste man mal denen erklären, die sich auf ihre Staatsangehörigkeit so viel zu Gute halten und auf Ausländer nicht gut zu sprechen sind. Die überall anzutreffende Scheidung zwischen den Einheimischen und den Fremden hat einzig seinen Grund in der begrenzten Reichweite staatlicher Macht. Wird die eingeschränkt, etwa durch eine Kriegsniederlage wie die der Deutschen im letzten Weltkrieg, werden aus guten deutschen Ostpreußen recht bald fremde ‚ Polacken‘, ohne einen Blick darauf, dass die meisten von ‚denen‘ in einer ähnlich schlechten sozialen Lage leben wie meisten deutschen Volksangehörigen auch: Auch sie kommen mit dem, was mit Arbeit zu verdienen ist, ein Leben lang nur schlecht über die Runden. Doch eben das hat nicht zu zählen, wenn man als Volksangehöriger über die Grenzen des ‚eigenen‘ Landes schaut.“

„Dieser Befund müsste eigentlich auch denen zu denken geben“, fügte der letzte Diskussionsredner hinzu, „die aus Scham über die fremdenfeindlichen Übergriffe für ‚Ausländerfreundschaft‘ auf die Straße gehen. Als ob das eine Lösung wäre, alle Ausländer zu ‚Gutmenschen‘ zu erklären und auf gemeinsamen Kulturveranstaltungen deren Sitten und Brauchtum hochleben zu lassen. So kommt ausgerechnet als Antwort auf Fremdenfeindlichkeit wieder die Volksgemeinschaft zu Ehren, die auch bei sich daheim – egal, ob in Afrika, den Balkan-Staaten oder Syrien – die Unterscheidung von In- und Ausländern auf ihre Fahnen geschrieben hat. Darüber sollte man nicht so einfach hinwegsehen. Da ist nicht kritiklos ‚Freundschaft‘, sondern vielmehr eine Auseinandersetzung über die Volks-Zugehörigkeit der Menschen angesagt.“

„Das ist richtig“, sagte Herr K. „Man muss schon etwas dafür tun, auch unter Ausländern diejenigen zu finden, denen die Argumente gegen ihre staatliche Herrichtung zu einem Volk einleuchten. Die einsehen, dass die jeweils ausgebeutete Klasse im Land in ihrer Eigenschaft als Volk darauf verpflichtet wird, in harmonischer Eintracht mit ihren Ausbeutern zu leben. Zum Wohl von Geldbesitzern und Staat, die überall auf der Welt eine ‚intakte Volksgemeinschaft‘ sehr zu schätzen wissen. Und sie deshalb immerzu loben und preisen.“

© HerrKeiner.com  9. März 2015