Über einfache Arbeit

„In dieser Überschrift müssten eigentlich Anführungszeichen stehen, sagte Herr Keiner, „denn die als ‚einfach‘ ausgegebene Arbeit ist nicht einfach. Dafür sorgen die Anwender der Arbeit, die alles nur Erdenkliche dafür tun, aus den eingekauften Arbeitskräften möglichst viel Leistung herauszuholen. So werden in den kleinen und großen Fabriken durch den Einsatz von Maschinen die Arbeitsschritte zwar enorm reduziert und vereinfacht, doch das geschieht nicht, um den Beschäftigten die Arbeit zu erleichtern. „Wenn einfacher, dann auch schneller“ lautet das betriebswirtschaftliche Gebot für den Einsatz der Arbeitskraft, und die Beschäftigten bekommen am zunehmenden Verschleiß ihrer Kräfte zu spüren, was es heißt, die verlangte Arbeitshetze Tag für Tag auszuhalten.

Das Ableisten von ‚einfacher Arbeit‘ ist in der marktwirtschaftlichen Realität nirgendwo anzutreffen“, fuhr Herr Keiner fort, nicht in der Arbeit am Fließband, beispielsweise auch nicht bei den Reinigungsarbeiten von Hotelzimmern, in denen ‚ungelernte‘ Arbeitskräfte eine als ‚einfach‘ bezeichnete Tätigkeit zu verrichten haben. Denn überall sorgen genau durchkalkulierten Vorgabezeiten dafür, dass die Beschäftigten erst gar nicht auf den Gedanken kommen, sich die Arbeit so einzuteilen, wie diese für sie am angenehmsten zu verrichten ist.

Also ist aus dem Ausgeführten der Schluss zu ziehen“, sagte Herr Keiner, „dass es die Kennzeichnung ‚einfache Arbeit‘ in der marktwirtschaftlichen Arbeitswelt nur aus dem einem Grund gibt: die an diesen Arbeitsplätzen Beschäftigten schlechter zu bezahlen. So heißt dazu in einer Stellungnahme der deutschen Gewerkschaft IG Metall, welche die betrieblichen Lohn-Unterschiede im Prinzip für ‚gerecht‘ hält: „Die unterste der Lohngruppen bezieht sich auf Arbeiter, die sehr einfache Tätigkeiten ausführen, für die keine oder eine nur kurze Einweisung nötig ist. Es handelt sich dabei um Aufgaben, die eigentlich jeder übernehmen kann.“
Ja und?“ fragte Herr Keiner. „Wird an diesen Arbeitsplätzen etwa weniger profitabel gearbeitet als an denen, wo eine längere Einarbeitung oder gar bestimmte technische Spezialkenntnisse erforderlich sind? Nein, denn sonst hätte das Kapital nicht alles daran gesetzt, eine große Masse von Arbeitsplätzen so einzurichten, dass an ihnen eine einfache, sprich: möglichst intensive Arbeit verrichtet werden muss.

Und aus dem vom Kaptal gewollten Effekt, dass es dabei um eine Arbeit handelt, „die eigentlich jeder übernehmen kann“, ergibt sich im Interesser maximaler Rendite noch ein weiterer Nutzen für die Anwender der Arbeit: Mit dem dafür nötigen Maschinenpark lassen sich solche Arbeitsplätze in alle Weltgegenden exportieren, um in Bangladesch oder anderswo die Leute zum ortsüblichen Hungerlohn zu beschäftigen.
Auch das ist in diesem Wirtschaftssystem gerecht“, sagte Herr Keiner, „denn alle diese Menschen leisten ja ‚bloß‘ das Eine: ‚Einfache Arbeit‘.“

© HerrKeiner.com  30. November 2013