Über die russische Annexion der Krim

Herr Keiner hörte davon, dass der amerikanische Außenminister Kerry den Anschluss der Krim an Russland als einen ‚unfassbaren Akt der Aggression‘ verurteilte und davon sprach, dass man im 21.Jahrhundert nicht mehr ‚unter einem erfundenen Vorwand‘ in ein Land einfallen dürfe. Herr Keiner stutzte und fragte sich, wie diese Aussage des Außenministers der größten Macht dieser Welt wohl gemeint sein könne. Er sagte: „Da davon auszugehen ist, dass dieser Mann nicht vergesslich ist, also um die eigenen kriegerischen Einfälle in fremde Länder weiß, kann die Verurteilung Russlands wohl nur so verstanden werden: Das, was wir uns im 21. Jahrhundert erlauben und im eigenen Machtinteresse für opportun halten, darf ein Staat wie Russland deswegen noch lange nicht. Zumal es sich hier um ein Staatswesen handelt, das ersichtlich eigene Machtinteressen verfolgt und nicht in unserem Auftrag die regionalen Machtverhältnisse verändert.

Moment mal“, dachte Herr Keiner, „vielleicht ist ja die westliche Aufregung über die Demonstration russischer Macht in Wahrheit nur deshalb so groß, weil sich Russland damit der Verschiebung der Machtverhältnisse in den Weg stellt, wie sie schon seit Jahren von den westlichen Mächten im Osten Europas betrieben wird? Und: Gibt es da nicht auch ein ‚Assoziierungsabkommen‘ zwischen der Ukraine und der Europäischen Union, um dessen Pro und Contra ein heftiger Machtkampf entbrannt war, der mit Hilfe eines vom Westen unterstützten Putsches eine willfährige Regierung hervorgebracht hat? Sollten damit womöglich die Stimmen politisch mundtot gemacht werden, welche die ‚einseitige Bindung an die EU‘ als einen ‚Verrat an den nationalen Interessen‘ der Ukraine ansehen?

So muss man sich das wohl erklären“, sagte Herr K., „denn diese europakritischen Stimmen sind nach verbreiteter öffentlicher Meinung gar nicht erst ernst zu nehmen, da es als ausgemachte Sache gilt, dass mit der Ost-Erweiterung der EU nur ‚Wohlstand und Frieden‘ unter den Völkern des Ostens verbreitet wird. Was macht es da schon aus, dass mit der geforderten ‚Modernisierung‘ der Ukraine massenhaft Staatsbetriebe lahmgelegt und Hunderttausende um Arbeit und Brot gebracht werden sollen. Wenn mit den abverlangten ‚Reformen‘ die Energiekosten für die Bevölkerung drastisch steigen, Löhne und Renten aber dauerhaft sinken sollen. Wenn dazu noch die Weisung an das Land ergeht, die wirtschaftlichen Beziehungen mit Russland zu kappen, was wiederum nur mit großen materiellen Schäden für die Ukraine verbunden ist. So wird eine Regierung, die dagegen Einspruch erhebt, einfach ausgetauscht, um das gewünschte ‚Assoziierungsabkommen‘ ohne Rücksicht auf die Interessen der Ukraine unter Dach und Fach zu bringen.

Auch ohne jede Rücksicht auf die Interessen des benachbarten Russland, dessen Präsident gefordert hatte, die EU-Assoziierung der Ukraine im Einvernehmen mit den Interessen Russlands abzuwickeln. So Putin:
‚Ja, wir wollen europäische Standards, aber lasst uns die so einführen, dass die Maschinenbauer morgen nicht dicht machen, dass der Schiffbau sich über Wasser halten kann, dass die Flugzeugfabrikation nicht zusammenbricht, dass die Raumfahrtindustrie nicht kaputt geht und dass das Ingenieurswesen im allgemeinen überlebt. Alle diese Märkte und Kooperationen sind mit Russland verbunden.‘(News Conference v. 19.12.2013, president.kremlin.ru)
Doch offensichtlich wollen die vereinten Westmächte diese Schädigung der russischen Interessen, wollen den Anschluss einer Ukraine, die ausschließlich an ihren Interessen ausgerichtet ist. Was sie eben deshalb entschieden nicht wollen, ist, dass sich Russland dieser westlichen Offensive unter Aufbietung seiner militärischen Macht entgegengestellt, seine nationalen Interessen auf der Krim zu sichern sucht und noch dazu diese Annexion – ganz nach westlichem Vorbild – unter Berufung auf den ‚Willen des Volkes‘ abzuwickeln weiß. Also ist für die westlichen Aufsichtsmächte klar: Dieser Machtbeweis gehört ‚bestraft‘, dafür hat Russland einen ‚Preis zu zahlen‘, um so klarzustellen, dass die USA und Europa alles in ihrer Macht Stehende tun werden, einer anti-westlichen ‚Großmachtpolitik‘ der Russen ihre klaren Grenzen aufzuzeigen.

Dabei klingt es fast ehrlich“, sagte Herr Keiner zum Abschluss, „wenn der amerikanische Präsident Obama bei seinem jüngsten Europa-Besuch verlauten ließ, dass die russische Annexion der Krim ‚nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche‘ stattgefunden habe. Er vergaß nur dazuzusagen, wer Russland in diese Lage gebracht hat und wer weiter alles dafür tun will, diese Schwächung des politischen Gegners erfolgreich voranzutreiben.“

© HerrKeiner.com  3. April 2014