Über das „NEIN“ der Bild-Zeitung zu “weiteren Milliarden für die gierigen Griechen“

Es hat leider eine ungute Tradition: Immer wenn das nationale Volksblatt „Bild“ offen rassistisch argumentiert und – wie in diesem Fall – den Grund für die ökonomische Konkurrenzniederlage Griechenlands im schlechten Volkscharakter der Griechen ausmacht, reagieren viele deutsche Linke zutiefst betroffen und empört. Mit der Folge: Sie argumentieren nicht und versuchen nicht, die getroffenen Urteile der Bild-Zeitung zu widerlegen, sondern schlagen – auf der gleichen geistigen Ebene wie die Bild-Zeitung – zurück – und fahren eine moralische Retourkutsche. So der Sänger Konstantin Wecker:

„Nicht die Griechen sind gierig, sondern ihre Zeitung ist gierig. Gierig danach die Menschen systematisch zu verdummen.“

Das ist komisch: Genau das, was Konstantin Wecker der „Bild“ im Umgang mit den Griechen vorwirft, macht er jetzt selber mit der „Bild“: Er erklärt das Gedankengut der Zeitungsschreiber rassistisch, als Ausfluss von deren böser Absicht, die Menschen „systematisch zu verdummen“.

„Wie dieses argumentationslose Schlechtmachen der Bild-Zeitung zustande kommt, ist kein Geheimnis“, sagte Herr Keiner in einer Gesprächsrunde. „Der Sänger Wecker empört sich als ehrenwertes Mitglied einer Gemeinschaft namens Deutschland, dessen Ansehen er in der Welt (speziell in Griechenland) durch die fremdenfeindliche Kampagne der Bild-Zeitung massiv beschädigt sieht. In seinen Worten:

„Liebe Griechen! Wir schämen uns für dieses Land.“

Sprich: Mögen ‚die Griechen‘ doch bitte zur Kenntnis nehmen, dass es auch noch Deutsche gibt, die es gut mit ihnen meinen!

Das Dumme ist nur, so fuhr Herr Keiner fort, „dass es – moralisch gesehen – eigentlich alle gut mit den Griechen meinen, auch die Bild-Zeitung, was deren Chefredakteur Kai Diekmann betont herausstreicht:

„BILD ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in Griechenland nah bei den Leuten, die unter dieser epochalen Krise leiden, die ihre Existenz verloren haben … Doch die Position von BILD ist klar: Griechenland braucht einen Neuanfang ohne Euro.“

Ja klar ist das ‚Volksverdummung‘, aber in ganz anderer, nämlich argumentativer Hinsicht: Bei genauerem Lesen dieser Zeitung könnte einem nämlich auffallen, dass ‚Bild‘ so gut wie alles, was sie zum ‚Fall Griechenland` zu sagen weiß, den Reden der verantwortlichen Politiker entnommen hat; an denen wird Maß genommen, wenn die Zeitung zur Auffassung gelangt, dass es in der aktuellen Lage ‚verantwortungslos‘ ist, Griechenland weiter Kredit zu nehmen. Doch an besagten Reden der Politiker zum ‚Fall Griechenland‘ ist so gut wie alles falsch“, sagte Herr K., „sie beschwören eine europäische Wirtschaftswelt von gemeinsamen Interessen und freundschaftlicher Hilfe, was mit der realen Welt der europäischen Konkurrenz um den Euro nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Da wird in Wahrheit gegeneinander um die Aneignung von Geldreichtum gekämpft, und wenn Staaten wie Deutschland in dieser Konkurrenz die Gewinner sind, so geht das notwendig auf Kosten der anderen, die dann folgerichtig – so im Falle Griechenlands – fehlenden Geschäftserfolg unverhältnismäßig viel Staatsschulden zu verzeichnen haben.“

„Und die ‚Bild‘ plappert ungeniert nach“, meldete sich ein Gesprächsteilnehmer zu Wort, „was die Politiker vorgeben, die entrüstet in Abrede stellen, dass der Erfolg der eigenen Wirtschaft irgendetwas mit dem Misserfolg der Konkurrenzverlierer zu tun haben könnte. Und genau mit dieser Lüge ist der Boden bereitet für das Aufwerfen der Schuldfrage, was nur in eine Richtung gehen kann: Griechenland selbst ist schuld, und, um das zu bebildern, läuft die Bild-Zeitung zur Höchstform auf. Mit dem immer wieder gleichen Ergebnis: Die Griechen leben zu gut und arbeiten zu wenig.“

„Ja“, sagte Herr Keiner, „dieser Befund bestimmt auch das Handeln der internationalen Kreditgeber, die mit ihren Auflagen darauf dringen, durch eine kostensenkende Verarmung der Bevölkerung das Land wieder attraktiv für Kapitalanleger zu machen. Und wenn dann die verordneten ‚Reformen‘ nicht zum Erfolg führen, ist das für die Bild-Zeitung der Beweis: Im Falle Griechenland ist Hopfen und Malz verloren, die verdienen es einfach nicht, weiter von ‚uns‘ kreditiert zu werden.“

„Dazu muss noch gesagt werden“, sagte ein anderer aus der Runde, „dass von einer uneigennützigen Hilfe überhaupt keine Rede sein kann. Erst als die anderen Staaten registrieren mussten, dass ein möglicher Staatsbankrott Griechenlands auch negative Folgen für den Euro als Gemeinschaftswährung haben würde, gab’s ‚Hilfe‘ in Form von Kredit, für den Griechenland, das nach Ansicht der Kreditgeber ohnehin zu viele Schulden hat, auch noch teuer bezahlen muss.“

„Und über den richtigen Umgang mit dieser ‚Hilfe‘, sagte Herr K. weiter, wacht dann das deutsche Volksblatt „Bild“, das vor Ort erkundet hat, dass es den Griechen immer noch zu gut geht – „Lokale voll, der Ouzo fließt!“ –, um postwendend in einer großen Schlagzeile die Frage aufzuwerfen: „Und DIE wollen UNSER Geld?“ So wird die Einbildung des deutschen Steuerzahlers mobilisiert, ihm käme das Recht zu, darauf aufzupassen, was die Politiker mit dem Geld, das nicht ihm, sondern den staatlichen Steuereintreibern gehört, in der Welt so alles anstellen.

Doch auch diese Einbildung, die Politiker seien dem Bürger als Steuerzahler rechenschaftspflichtig, ist ebenfalls keine Erfindung der Bild-Zeitung. Dieser Einbildung geben die Politiker Tag für Tag Nahrung, wenn sie Entscheidungen, die sie allein nach ihren, staatsnützlichen Kriterien treffen, als Auftragsarbeit im Dienste des Volkes vorstellig machen.

Man sieht“, sagte Herr K. zum Schluss, „die ‚Verdummungs‘-Leistung der Bild-Zeitung ist gar nicht so exklusiv, wie das ihr immerzu nachgesagt wird. Sie schmarotzt vielmehr an den moralischen Verklärungen, die von der Politik in Umlauf gebracht werden und die leider auch von einem sehr großen Teil der Bevölkerung geteilt werden. Auf dieser Basis kann ‚Bild‘ Stoßrichtungen vorgeben und – wie im Fall Griechenland – eine politisch aufgemachte Schuldfrage auch mal anders als die amtierende Politik beantworten und die Bevölkerung gegen eine Entscheidung der Regierung aufhetzen. Doch die muss für das Wälzen von solchen moralischen Schuldfragen bereits aufgeschlossen sein, soll die Meinungsmache der Bild-Zeitung beim Volk auch ‚ankommen‘.

„Dazu will ich zum Schluss auch noch etwas sagen“, meldete sich eine Frau aus der Runde zu Wort. „Ich habe auf dem Yahoo-Blog die Diskussion über die Kampagne der Bild-Zeitung verfolgt und festgestellt, dass es jede Menge von Leuten gibt, die nicht viel von dem Massenblatt halten, der Zeitung aber trotzdem zugestehen, dass sie ‚vielen Deutschen aus der Seele spricht‘. Und das ist auch so, denn in allen Beiträgen auf dem Blog reden die Leute als wichtige Bedenkenträger einer Volksgemeinschaft, die mit Sprüchen wie: ‚Wir sind nicht das Sozialamt der ganzen Welt‘ oder ‚Gier sollte man mit dem Tod bestrafen‘, meinen, sie hätten als pflichtbewusste Bürger einen Anspruch darauf, das Handeln ihrer Obrigkeit auf die Einhaltung von Sitte und Anstand zu überprüfen.“

„Das stimmt“, sagte darauf Herr K., „das national-moralische Lamentieren der Bild-Zeitung ist in den Blogs zu einem weit verbreiteten Volkssport geworden. Ohne wirkliche Kenntnis in irgendeiner Sache räsonieren die Menschen darüber, wie nach ihrer Meinung eine gute Herrschaft, ein gutes ‚Gemeinwesen‘ zu funktionieren hätte. Das ist traurig, denn die meisten Bild-Leser und Bloggersind in den Niederungen ihres Alltags mit einem Leben konfrontiert, in dem sie einzig als Manövriermasse ihrer Herrschaft gefragt sind. Dass die Kundgabe ihrer werten Meinung keinen Pfifferling wert ist, weil die Politik frei und souverän ihr Ding macht. Und herablassend zur Kenntnis nimmt: Das ist ja schön, wenn sich so viele Leute Sorgen um ‚unser Gemeinwesen‘ machen!“

© HerrKeiner.com  9. März 2015