Über das allgegenwärtige nationale „Wir“

Nach einer Diskussionsveranstaltung wurde Herr K. von einer Zuhörerin gefragt: „Mir ist das unerklärlich, warum sich die ‚kleinen Leute‘ an diesem nationalen Gemeinschaftswahn beteiligen. Sie sind doch Tag für Tag damit konfrontiert, dass diese Gemeinschaftlichkeit gar nicht wirklich existiert, dass sie in allen lebenswichtigen Fragen auf gegensätzliche Interessen stoßen, die dafür sorgen, dass die eigenen Interessen systematisch unter die Räder kommen. Davon kann man doch nicht so einfach absehen und sich für das nationale ‚Wir‘ vereinnahmen lassen.“

„So ‚einfach‘ tun sie das auch nicht, wie sie das sagen“, sagte Herr K. zu der Fragestellerin. „Ich glaube sie unterschätzen, was es heißt, dass die Menschen von den herrschenden Verhältnissen abhängig gemacht sind. Denn das bedeutet einiges für die Verfolgung ihrer Interessen: Da prallt nicht einfach der unschuldige Wunsch nach einem guten Leben auf ein entgegenstehendes Interesse, sondern: Für ein gutes Leben müssen die meisten arbeiten, was nach der geltenden Eigentumsordnung heißt, sich in Abhängigkeit von denen zu begeben, die als Besitzer der Mittel zum Arbeiten dieses erst ermöglichen. Also werden ihnen von der vorgefundenen Lage die Bedingtheit ihrer Interessen aufgenötigt, nämlich das eigene Interesse nur unter Berücksichtigung der Kalkulationen eines Arbeitgebers verfolgen zu können. Und gerade wegen dieser Interessenskonstellation sind sie in eine Lage versetzt, den Staat und damit den Hüter der nationalen Zwangsgemeinschaft zu brauchen, um sich in diesen widrigen Verhältnissen erhalten zu können. Als Abhängiger braucht er die Gewalt, die dem privaten Willen zum Ausnutzen seiner Abhängigkeit – sei es als Arbeiter, Mieter oder Konsument – rechtsförmige Schranken setzt. Auch wenn er daran zu bemängeln weiß, dass die meist nicht ‚wirkungsvoll genug‘ für ihn ausfallen.“

Als Herr K. sah, dass die Fragestellerin nachdenklich wurde, fügte er hinzu: „Man sollte das falsche Bewusstsein der Menschen nicht für einen bloßen Spleen halten und das Bekenntnis zu dem verlangten nationalen ‚Wir‘ wie eine Einbildung behandeln, die jeder Grundlage entbehrt.“

Da sagte die Fragestellerin: „Das sehe ich ein, aber es muss doch einen Weg geben, den von diesen Verhältnissen abhängigen Menschen zur Einsicht zu bringen, dass diese Abhängigkeit nicht gut für ihn ist.“

„Sicher“, sagte Herr K., „für diesen Weg müssen die Leute dazu angestiftet werden, die Verhältnisse daraufhin zu überprüfen, ob sie überhaupt für sie eingerichtet sind. Da ist Nachdenken gefragt, nicht vom Standpunkt der Abhängigkeit, sondern diese selbst muss auf den Prüfstand. Und damit auch der eigene Wille, auf jeden Fall mit den vorgefundenen Verhältnissen zurechtkommen zu wollen. Erst das lässt die Menschen vielleicht einen Blick auf das nationale ‚Wir‘ werfen, der diese Form der Gemeinschaftlichkeit als Zwangs-Eingemeindung durchschaut, statt sich in dem nationalen ‚Wir‘ irgendwie gut aufgehoben zu wissen.“

© HerrKeiner.com  9. März 2015