Über wirkliche und eingebildete Rechte

Herr K. war oftmals Zeuge, wie werktätige Menschen, die von Massenentlassungen bedroht waren, eine recht eigentümliche Klage führten. In den Reden auf den Protestversammlungen war in dieser oder ähnlicher Form immer wieder der folgende Be­schwerderuf zu vernehmen: „Wie könnt Ihr uns das antun, wo wir doch die ganzen Jahre immer vorbildlich unsere Pflicht getan haben!“

Und es folgten Beweisführungen, die anschaulich machen sollten, wie sehr die Arbeiter, in guten wie in schlechte Zeiten, dem Wohl des Unternehmens gedient hatten: im Boom durch das Ableisten von Überstunden, in der Krise durch Lohnverzicht. Und jetzt dieses: „Zum Dank dafür sollen die Arbeiter nun von dem Unter­nehmen entlassen werden“, hieß es in den Reden.

Herr K. ärgerte sich über diese Beweisführung und er riet den Arbeitern, mit denen er sprach, die Dinge einmal so zu sehen: „Vielleicht können die Unternehmen mit ihren Arbeitern so rücksichtslos umspringen, gerade weil diese immer so brav ihre Pflicht getan haben.“

Herr K. hielt es für eine moralische Verstellung der Arbeiter, wenn diese von sich behaupten, sie wären für ihren Arbeitgeber zur Arbeit gegangen. „Sie haben das für sich getan, weil sie das Geld brauchten, das mit der Arbeit zu verdienen ist“, sagte er. Und Herr K. fragte: „Warum soll man sich das als sein Verdienst anrechnen, was in Wahrheit bloß Dienst ist zum Vorteil unter­nehmerischer Interessen?“

Für brave Pflichterfüllung belohnt und von Entlassung verschont zu werden – dieses Recht existiert nur in der Einbildung und nicht in der Wirklichkeit marktwirtschaftlicher Rechnungen. Denn ein Unternehmen handelt nicht, wie die Arbeiter sagen, „pflicht­vergessen“, wenn es Teile der Belegschaft entlässt. Es will durch die Senkung der Arbeitskosten mehr Gewinn erzielen. „Das ist seine marktwirtschaftliche Pflicht und nicht die, die Arbeiter vor Entlassungen zu bewahren“, sagte Herr K.

© HerrKeiner.com  6. November 2011