Über gutgläubiges Denken

Daraufhin befragt, ob nicht die schlechten Erfahrungen, die viele Menschen mit den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen machen, sie in Gegnerschaft zu diesem System bringen müssten, antwortete Herr Keiner: „Einen solchen Automatismus gibt es nicht. Denn es hängt ganz davon ab, wie die Menschen ihre Erfahrungen gedanklich verarbeiten. So wollen viele Menschen trotz aller schlechten Erfahrungen ihren guten Glauben daran nicht aufgeben, dass diese Verhältnisse eigentlich dazu bestimmt seien, auch ihre Interessen zum Zuge kommen zu lassen.

Ihre schlechten Erfahrungen führen sie darauf zurück, dass es sich um eine schlechte Ausführung des Systems handeln müsse, was ihnen zu schaffen macht.

So werden die Betroffenen nicht zum Kritiker der Logik des Systems, sondern zum Kritiker seiner (vermeintlichen) Un-Logik; sie kritisieren nicht das wirtschaftliche Management, sondern das Miss-Management; sie wenden sich nicht gegen die Politik, sondern lediglich gegen eine ihrer Meinung nach schlecht ge­machte Politik.

Doch dieses schöne Bild von gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen es eigentlich darum geht, das Wohl aller Menschen zu befördern, ist keine Erfindung der kleinen Leute“, fügte Herr K. hinzu. „Dieses schönfärberische Bild wird verbreitet in den Schulen des Landes, in den öffentlichen und privaten Medien und den Reden der Politiker. Das Schönreden der Verhältnisse ist allgegenwärtig.“

„Aber Herr K.“, wandte der Fragesteller ein, „wollen Sie damit sagen, dass die kleinen Leute diesem gutgläubigen Denken hilflos ausgeliefert sind?“

„Nein, das wollte ich damit nicht gesagt haben“, antwortete Herr K. „Doch für eine sachliche Auswertung ihrer schlechten Er­fahrungen müssen die Menschen geistig heraustreten aus den Lebensumständen, die sie bislang gutwillig als ihre Chance angesehen haben, die eigenen Interessen voranzubringen. Sie müssten ihre Lebensumstände nüchtern daraufhin überprüfen, ob diese überhaupt dafür eingerichtet sind, das Wohl der Unteren zu befördern. Ob die herrschenden Zwecke dieser Gesellschaft überhaupt eine Grundlage dafür bieten, sich ihnen gutgläubig anzuvertrauen und immer wieder aufs Neue zu hoffen, dass alles besser werden wird.

Werden diese Fragen mit der nötigen Distanz gestellt“, sagte Herr K., „ist der Anfang gemacht, die Wahrheit über die herrschenden Verhältnisse herauszufinden.“

© HerrKeiner.com  22. Januar 2011