Über die Suche nach dem „Sinn des Lebens“

Zugegeben: Irgendwann an einem besonders trüben Herbsttag hat es Herrn K. auch einmal erwischt. Er hat schemenartig sein Leben Revue passieren und sich etwas erschrocken von der Frage befallen lassen: „Soll das etwa alles gewesen sein?“ Und schon ging es los mit dem, was bei der Gelegenheit kommen muss: dass viel zu schnell die Zeit vergeht, dass man viel lieber mehr davon hätte, doch dass leider alles einmal sein Ende hat. Das war’s dann auch, und Herr K kam nicht umhin, sich die einzig passende Antwort auf die gestellte Frage zu geben: „Ja, das ist dann wohl alles gewesen.

Doch die gestellte Frage verweist darauf“, sagte Herr K., „dass es sich für den Menschen – im Unterschied zu sonstigen Säugetieren – tatsächlich als ein Widerspruch darstellt, ein Bewusstsein von sich und der ihn umgebenden Welt zu haben, er also mit seinem Gefühl und Verstand auf ewig so weitermachen könnte, dann aber doch an seiner physischen Existenz seine Schranken findet. Und wie man es auch dreht und wendet: Im Unterschied zu manch anderen Widersprüchen, die den Menschen durch die verordneten Lebensumstände aufgenötigt werden, lässt sich dieser Widerspruch nicht aus der Welt schaffen.

Mit dieser trivialen Wahrheit lässt sich jedoch der sinnsuchende Mensch nicht abspeisen. Was auch immer ihn mit seinem Leben unzufrieden werden lässt, dass ihm sein Leben womöglich zu „fremdbestimmt“ vorkommt – auf die gestellte Sinn-Frage ‚Wozu das alles‘? könnte man durchaus eine handfeste Antwort geben“, fuhr Herr Keiner fort. „Man könnte mit Recht sagen: Du bist hier auf Erden, um den Profit deiner Firma, die Erlöse des Einzelhandels sowie die Macht deiner Regierung zu mehren. Damit wäre die verzweifelte Frage ‚Wozu das alles‘? zwar in den meisten Fällen ziemlich erschöpfend beantwortet, doch die gestellte Frage sucht nach etwas gänzlich anderem: nach einem zutiefst befriedigenden, allumfassenden Sinn des irdischen Daseins.

Für dieses besondere Bedürfnis hat die Religion ein passendes Angebot parat. Es passt zu einer tiefschürfenden Sinnfragerei, dass der empfohlene Lebenszweck von so absoluter Erhabenheit und Größe ist, dass er mit den Mitteln des menschlichen Verstandes erst gar nicht zu erfassen ist, dem suchenden Menschen dennoch Glück und Zufriedenheit verspricht. Nicht er ist es, der sich sein Lebensziel setzt, sondern es wird ihm gesetzt. Seine Lebensordnung ist die, die ihm eine höhere Instanz mit in Stein gemeißelten Regeln vorschreibt (‚commandments‘ heißen die göttlichen Gebote im Englischen). Er hat nicht zu denken, sich nicht zu fragen, ob das vernünftig ist oder gar mit den Beauftragten des Höchsten darüber zu streiten, ob dieser Weg der richtige ist. Sein religiöser Lebenssinn ist es, in der Unterordnung und „Fremdbestimmung“ sein Heil zu finden, als getreuer Knecht eines absolutistisch waltenden Herrn.

So gesehen“, sagte Herr K. abschließend, „sollten die Menschen eigentlich froh sein, dass es mit dem Tod wirklich ‚alles gewesen‘ ist und sie von keinem Lebenssinn mehr heimgesucht werden. Ich kann jedenfalls die Vor­stellung von einem Gott nicht ausstehen, der seinen Schäflein, die in ihrem Leben gegen seine Regeln gefehlt haben, damit Angst macht, dass er in der Ausmalung schlimmster Höllenqualen beleidigt Rache nimmt und sie – so die frommen Schriften – bis in alle Ewigkeit martert und foltert. Doch genauso abstoßend finde ich die Vorstellung von einem Himmel, in dem die Menschlein nichts zu melden, dafür aber andauernd irgendetwas ‚in der Höhe‘ zu bejauchzen haben und so ihre eigene Ohnmacht verewigen dürfen. Von den guten fleischlichen Gelüsten ganz zu schweigen, denn die – so steht es geschrieben – sind so ‚niedrig‘, dass sie ohnehin alle in der schrecklichen Verdammnis landen.

Und die Moral von der Geschicht‘? Die lautet schlicht: Den Sinn des Lebens suche nicht!“

Dies ist ein Artikel aus der Zeitung Nicht zu glauben!, die Herr Keiner und andere auf dem Kirchentag verteilt haben.

© HerrKeiner.com  8. Mai 2013