Über die Gier

Zu der Zeit, als noch fraglich war, ob das marktwirtschaftliche System die große Krise überstehen würde, hielten sich auch die Zeitungen nicht mit Vorwürfen zurück. Sie, die vor der Krise nichts an gewagten Finanzspekulationen auszzusetzen hatten, stellten nun die „maßlose Gier“ der wirtschaftlichen Akteure an den Pranger und beschuldigten diese, durch ihre „abenteuerliche Risikobereitschaft“ die Krise herbeigeführt zu haben.

„Vor solchen Vorwürfen muss man die Zunft der Spekulanten in Schutz nehmen“, sagte Herr K. „Denn mit der Suche nach den Schuldigen werden die Ursachen der Krise personalisiert, wird im schlechten Charakter des spekulierenden Personals der Grund dafür ausgemacht, warum es zur Krise kommen musste.“

„Aber Herr K.“, meldete sich ein Teilnehmer der Diskussions­runde zu Wort, „wollen Sie etwa bestreiten, dass diese Speku­lanten gierig sind und den Hals nicht vollkriegen können?“

„Nein, das will ich keineswegs bestreiten“, antwortete Herr K., „ich will bestreiten, dass ein gieriges Herumspekulieren auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen ist.

Die Gier der Spekulanten ist ein Erfordernis ihres Berufs, gierig zu sein ist die Triebkraft, ihren Beruf erfolgreich zu betreiben. Würde er mit einem Stoff handeln, der einen nützlichen Bedarf befriedigt, bräuchte er nicht gierig zu sein. Doch der Stoff, mit dem die Spekulanten handeln, ist das Geld, eine bloß quantitative Größe wirtschaftlicher Verfügungsmacht. Es liegt an der Besonderheit dieser Ware, dass in der Tätigkeit des Spekulanten nur das Eine zählt: Es muss mehr davon gemacht werden.

Folglich ist der Spekulant gierig, weil die Geldvermehrung, die er berufsmäßig betreibt, in sich kein Maß hat. Ein Reichtum, der im Geld sein Maß hat, muss wachsen, und das immerzu.

Das ist es, was ich zu diesem Thema ausführen wollte“, sagte Herr K.

© HerrKeiner.com  14. Februar 2011