Über den Vorwurf der Misswirtschaft in Europa

Herr G., der befreundete Lehrer, kam zu Herrn Keiner und führte Klage über die Reden der Politiker über die europäische Schuldenkrise. „Es kann doch nicht wahr sein“, sagte er, „dass die Krise der vom Bankrott bedrohten Staaten ‚hausgemacht‘ ist, dass diese an ihrer Lage selbst schuld sind, weil sie jahrelang Miss­wirtschaft betrieben haben. Solche Schuldzuschreibungen passen doch nicht zur Realität eines gemeinsamen europäischen Marktes, auf dem die einen verlieren, was die anderen gewinnen.“

„Das sehe ich genau so“, sagte Herr K. „Wenn zum Beispiel ein Land wie Griechenland vor dem Staatsbankrott steht, so ist das – nüchtern betrachtet – nur der Beweis dafür, dass die heimische Wirtschaft der kapitalkräftigen Konkurrenz aus den starken europäischen Ländern nicht gewachsen war. Griechenland gehört eindeutig zu den Verlierer-Nationen auf dem gemeinsamen europäischen Markt.“

„Aber warum geben das die führenden europäischen Politiker nicht offen zu“, fragte Herr G. weiter, „die mangelnde Wirtschaftskraft des Landes war doch schon bei der Aufnahme in die Währungsunion bekannt, es kann doch nicht wirklich verwundern, dass es mit der griechischen Wirtschaft weiter bergab gegangen ist?“

„Würden die europäischen Politiker diese nüchterne Bilanz ziehen“, antwortete Herr K., „müssten sie zugeben, dass ihre Versprechungen von früher eine einzige Täuschung waren. Schließlich ist immer behauptet worden, dass das Mitmachen beim europäischen Gemein­schaftswerk von Vorteil für alle sei, dass von einer gemeinsamen Währung alle Mitgliedsstaaten in gleicher Weise profitieren würden. Jetzt in der Krise zeigt sich: Die Unterschiede zwischen den Staaten sind nicht kleiner, sondern größer geworden. Der eine wird mit Hilfe des europäischen Marktes zum Exportweltmeister, andere geraten dadurch an den Rand der Zahlungsunfähigkeit.“

„Ja, das ist nicht zu übersehen“, sagte Herr G. nachdenklich, „jetzt wird mir klarer, wie dieses europäische Staatenbündnis funktioniert: Es wird von lauter Nationen betrieben, für die das Bündnis mit den anderen das Mittel dafür ist, das Wohl der eigenen Nation voran­zubringen. Sie wirtschaften zwar mit einer gemeinsamen Währung, aber zugleich gibt es ein wirtschaftliches Hauen und Stechen gegen­einander, um möglichst viel von dem Gemeinschaftsgeld auf dem eigenen nationalen Konto zu verbuchen. Wenn ein Mitgliedsstaat darüber Bankrott geht, liegt das nicht an den Spielregeln der Gemeinschaft, sondern an den Verlieren selbst, die sich angeblich nicht an die Regeln gehalten haben.“

„Das stimmt“, sagte Herr K., „doch das ist eine Schuldzuweisung mit politischen Folgen: „Die Gewinnner-Staaten Europas nehmen die wirtschaftliche Niederlage ihrer Partner zum Anlass, deren Geld­ausgaben unter ihre Aufsicht und Kontrolle zu bringen und so vor allem dafür zu sorgen, dass die verordneten ‚sozialen Einschnitte‘ bei der Bevölkerung ‚millimetergenau‘ erfüllt werden.“ Und Herr K. fügte hinzu: „So soll das Land gerettet werden, zum Nutzen der gewerb­lichen Geldanleger und des Staates, zum Schaden großer Teile der Bevölkerung.“

© HerrKeiner.com  23. Dezember 2011