Über den Aufruf zum Sparen

Herr G., der befreundete Lehrer, kam zu Herrn K. und zeigte sich sichtlich erregt. Er sagte: „Ich muss mich erst mal fassen und meine Gedanken auf den Punkt bringen.“ Dann fuhr er fort: „Ist das nicht ein Wahnsinn! Auf der einen Seite wird in ganz Europa, vor allem in den Krisenländern, an den ‚kleinen Leuten‘ gespart, dass es nur so kracht und massenhaft Menschen nicht mehr wissen, wie sie über die Runden kommen sollen. Auf der anderen Seite überflutet die Europäische Zentralbank die Finanzmärkte mit Hunderten von Milliarden, um die Staatsanleihen von krisengeschüttelten EU-Staaten aufzukaufen. Das zeigt doch: Wenn die Zuständigen wollen, ist Geld in Hülle und Fülle vorhanden, und den Unteren wird erklärt, dass kein Weg daran vorbei führt, dass an ihnen auf jeden Fall gespart werden muss.“

„Ich teile Ihren Zorn voll und ganz“, sagte Herr K. „denn genau wie Sie ärgert es mich, wenn ich daran denke, wie viele Menschen auf die Reden der Politiker hereinfallen und diesen Glauben schenken, dass der ‚Gürtel enger geschnallt‘ werden muss, weil die staatlichen Kassen leer sind. Doch für das, was den politisch Verantwortlichen wichtig ist, ist immer genügend Geld da, wie es aktuell an den Milliarden-Hilfen der Europäischen Zentralbank zu besichtigen ist.“

„Dem ist noch hinzufügen“, sagte darauf Herr G., „dass sich die Chefs dieser Bank über alle Regeln staatlicher Geldschöpfung hinwegsetzen, die vorsehen, frisches Geld nur nach Maßgabe der Geschäftsbedürfnisse des Kreditgewerbes in Umlauf zu bringen. Mit ihrer Milliardenhilfe versorgt die Zentralbank die staatlichen Empfänger mit Geld, das diese von den Finanzmärkten nicht – oder nur zu exorbitant hohen Zinsen – bekommen würden.“

„Das stimmt“, sagte Herr K., „doch daran ist zu sehen, dass den EU-Staaten in der gegenwärtigen Finanzkrise das Wasser bis zum Halse steht. Denn dem Misstrauen der geschäftstüchtigen Finanzmärkte ist zu entnehmen, dass in Europa eine Überakkumulation von staatlichen Schuldpapieren stattgefunden hat; die Krisen-Staaten der Union benötigen neue Kredite und sind nicht mehr in der Lage, sich diese auf den Finanzmärkten zu beschaffen. Jetzt sollen ‚Rettungsschirme‘ und die ‚Notenpresse der Zentralbank‘ helfen, der Krisenlage zu begegnen. Doch mit diesen Finanzhilfen wird die europäische Krisenlage nur kaschiert, denn der angegriffenen Verschuldungsfähigkeit ihrer Partner-Länder weiß die EU nur mit einer Maßnahme zu begegnen: mit immer mehr Schulden!“

„Doch zugleich bestehen die Verantwortlichen darauf, dass das Sparen in der Abteilung Soziales in all den Krisen-Staaten der Union rigoros fortgesetzt werden muss“, sagte darauf Herr G. „Dabei wäre es mit der Aufstockung der aufgewendeten Milliarden sicher ein Leichtes, die beschlossenen Sparmaßnahmen zu lockern, zumal es schon viele Stimmen in Europa gibt, die vor einem ‚Kaputtsparen‘ dieser Krisen-Länder warnen.“

„Ja“, antwortete Herr K., „diese Stimmen gibt es, doch die stehen nicht für die maßgebliche Sicht der Dinge. Denn für die Politiker der wichtigen Staaten der Union stellt sich ihre Lage so dar: Weil mit der Krise in ihren Partnerländern die Kreditwürdigkeit ihres eigenen Landes auf dem Spiel steht, muss alles getan werden, um wieder eine erfolgreiche Profitwirtschaft in den europäischen Krisenländern in Gang zu bringen. Eben dafür sollen die Kosten für die werktätige Bevölkerung – Arbeits-, Gesundheits-, Ruhestandskosten u.a. – radikal gesenkt werden. So wird die wirtschaftliche Basis dafür geschaffen, das Vertrauen der ‚Märkte‘ zu gewinnen, damit das staatliche Schuldenmachen zur Rettung des Euro weiter seinen Gang gehen kann.“

Und Herr K. fügte hinzu: „Man sieht also, dass die Unteren gut beraten sind, sich durch die politischen Aufrufe zum Sparen nicht täuschen zu lassen. Sie werden nicht zu ihrem Wohl verbreitet, im Gegenteil.“

© HerrKeiner.com  28. November 2012