Über das Wohl des Volkes

Bei einem Spaziergang mit einer Bekannten stieß Herr K. auf ein Denkmal, mit dem der erste sozialdemokratische Präsident des alten Deutschen Reiches, Friedrich Ebert, geehrt wurde. Da war zu lesen: „Des Volkes Wohl ist meines Lebens Ziel.“ Die Bekannte von Herrn K. wurde nachdenklich und sagte: „Ich weiß nicht viel von diesem sozialdemokratischen Politiker, doch meines Wissens war er dafür, das Volk in den 1.Weltkrieg zu führen und auf den Schlachtfeldern bluten zu lassen. Wie kann so ein Mann von sich behaupten, sich mit seiner Politik dem Wohl des Volkes verschrieben zu haben?“

„Das sehe ich anders“, sagte Herr K., denn mit einem Krieg das Wohl des Volkes befördern zu wollen, das passt sehr wohl zusammen. Denn was ist ein Volk anderes als das Erzeugnis der Herrschaft, welche die Menschen in ihrem Machtbereich zu einem Kollektiv von Untertanen, als ihr Volk eben, zusammen­schließt. Was gut ist für die Herrschaft, ist deshalb auch gut für deren Gefolgschaft, weil deren Wohl und Wehe vom Erfolg dieser ‚Gemeinschaft‘ abhängig gemacht ist. Gleich, ob mit einem Krieg die Macht über andere Staaten gestärkt werden oder – wie es ein sozialdemokratischer Staatschef vor nicht allzu langer Zeit getan hat – mit einem Verarmungsprogramm namens ‚Agenda 2010‘ die Wettbewerbs­fähigkeit der heimischen Wirtschaft verbessert werden soll.“

„Jetzt verstehe ich, was sie meinen“, sagte darauf die Bekannte. „Ich hatte bei der Bezeichnung ‚Volk‘ vor allem an die Interessen der vielen kleinen Leute gedacht, die aufgrund einer politischen Entscheidung für einen Krieg oder drastische Kürzungen des Sozialen unter die Räder kommen. Doch zu einem Volk gehören ja auch die Mitglieder der vermögenden Klasse, die von Staatswegen dazu ermächtigt sind, aus der Not des großen Teils eines Volkes Kapital zu schlagen.“

„Ja“, sagte Herr K., „das meinte ich. Vor dem Gesetz eines Staates sind alle Mitglieder eines Volkes gleich, doch bekanntlich verfügen diese über höchst unterschiedliche ökonomische Mittel, die darüber entscheiden, wer in diesen Verhältnissen den Nutzen und wer den Schaden hat. Und noch dazu: Wer diesen Schaden als ‚alternativlos‘ anzunehmen hat, weil sein Auskommen vom Erfolg der Wirtschaft und der Nation abhängig gemacht ist. Deshalb ist es keine Lüge, wenn behauptet wird, mit einem Krieg oder einer Lohnsenkungsmaßnahme das Wohl des Volkes im Programm zu haben. Dass damit einem nicht unbeträcht­lichen Teil der Bevölkerung regelmäßig Opfer abverlangt werden, ist in diesem Programm sachnotwendig inbegriffen.“

Nach diesen Worten sagte die Bekannte von Herrn K. nachdenklich: „Also ist den kleinen Leuten nur zu raten, der Politik ‚zum Wohle des Volkes‘ eine Absage zu erteilen und sich stattdessen darum zu kümmern, dass die eigenen Interessen gegen die von Wirtschaft und Politik zum Zuge kommen.“

„So ist es“, sagte darauf Herr K., „die ganze Macht des Staates, der diese Lebensverhältnisse gesetzlich verordnet hat, beruht darauf, dass sich die Geschädigten dieser Verhältnisse als Volk begreifen und damit die Probleme des Staates ernster nehmen als ihre eigenen. Damit tun sie sich keinen Gefallen, im Gegenteil.“

© HerrKeiner.com  5. Juni 2013