Über das Gebot der Nächstenliebe

Das christliche Gebot der Nächstenliebe steht seit vielen, vielen Jahren in dem guten Ruf, eine empfehlenswerte Handlungsanweisung für ein gedeihliches menschliches Miteinander zu sein. „Dem möchte ich entschieden widersprechen“, sagte Herr K. „denn mit ihrem Aufruf zur Nächstenliebe, egal, was der liebe Mitmensch so denkt und treibt, bekundet die christliche Botschaft, dass sie es lediglich für eine Frage des guten Willens hält, wie die ‚menschlichen Beziehungen‘ auf diesem Erdball zum Wohle aller zu ‚gestalten‘ sind.

Sicher, solche Botschaften hört man nicht nur vom Pfarrer in der Kirche, sondern auch von Eltern, Schullehrern und Präsidenten. Doch das lässt sich gut erklären, fuhr Herr K. fort, „denn der allgegenwärtige Aufruf zu mehr menschlichem Miteinander lebt von der falschen Vorstellung eines wohltätigen Gemeinwesens, wonach ein Jeder an seinem Platz seinen Beitrag zum ‚Wohlergehen des Ganzen‘ leisten kann, wenn, ja wenn er nur den guten Willen dazu hat und das Denken und Handeln zum eigenen Vorteil hintanstellt. Doch diese Botschaft beruht nicht nur auf einer gedanklichen Fehl-Deutung der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse“, zürnte Herr K., „sie ist auch dazu angetan – wird sie ernst genommen – die eingerichteten Lebensverhältnisse wie eine Naturgegebenheit hinzunehmen und sich in ihnen gutwillig zu bewähren.“

„Aber Herr K.“, wandte ein Gesprächsteilnehmer ein, „Ihre Rede von der kritiklosen Hinnahme der gesellschaftlichen Verhältnisse leuchtet mir nicht ein. Auch diejenigen, die an das Gebot der Nächstenliebe glauben, haben doch eine Kritik daran, wenn Menschen in diesen Verhältnissen schlecht behandelt werden, wenn sie ausgebeutet werden oder in armen Weltgegenden massenhaft verhungern. Das wird doch nicht einfach hingenommen.“

„Sicher“, sagte darauf Herr K., „ich habe auch nicht behauptet, dass das Denken im Geist der Nächstenliebe kritiklos sei. Ich wollte auf die Haltlosigkeit dieser Kritik hinweisen, die bei allem, was den Menschen in diesen Verhältnissen zum Schaden gereicht, die ‚Selbstsucht‘ und den ‚Egoismus‘ der jeweiligen Akteure als die wahren Schuldigen ausfindig macht. Doch die Entdeckung dieses schuldhaften Verhaltens bezieht sich auf nicht die reale Interessensverfolgung der Menschen, will von der verordneten Notwendigkeit nichts wissen, dass sich die Menschen in dieser Wirtschaftsweise im Gegensatz zueinander um ihr Fortkommen kümmern müssen. Das ist keine Frage ihrer subjektiven Einstellung, sondern das Grund-Gesetz der herrschenden Verhältnisse.“

„Jetzt wird mir die Sache klarer“, meldete sich der Angesprochene wieder zu Wort. In einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der die gegensätzlichen Interessen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Wohnungsbesitzer und Mieter, Banker und verschuldetem Häuslebauer allesamt ins Recht gesetzt sind, richtet sich die christliche Kritik nicht gegen ein System, in dem der Vorteil der einen auf Kosten vieler anderer geht. Die wirtschaftliche Notwendigkeit des gesellschaftlichen Hauens und Stechens ist unterstellt, wenn im Geist der christlichen Botschaft für mehr Nächstenliebe geworben wird.“

„Ja, das meinte ich“, sagte darauf Herr K. „Der Aufruf zu mehr Nächstenliebe will nicht gegen, sondern in den herrschenden Verhältnissen für ein besseres Miteinander unter den Menschen werben. Ist etwa ein Mieter aufgefordert, seinen Mitmenschen zu ‚lieben‘, der ihm gerade in seiner Eigenschaft als Hausbesitzer die Miete erhöht hat, so kann das nur heißen: Er soll ‚den Menschen‘ in seinem Interessensgegner sehen und so verstehen, dass dessen Handeln auch Respekt verdient. So geht die gläubige Absegnung der herrschenden Verhältnisse: Jedes neue menschliche Leid ruft nach mehr Liebe und Verständnis unter den Bewohnern dieser Erde. Und das nun schon seit gut 2000 Jahren.“

Dies ist ein Artikel aus der Zeitung Nicht zu glauben!, die Herr Keiner und andere auf dem Kirchentag verteilt haben.

© HerrKeiner.com  8. Mai 2013