„Soviel du brauchst“ – Fehlanzeige!

„Als Motto wurde diesmal in Anlehnung an 2. Mose 16,18 ‚Soviel du brauchst‘ gewählt. Es erinnert an das Wunder, wie dem hungernden Volk Israel auf seinem Zug durch die Wüste Manna vom Himmel fällt, so dass alle am Schluss so viel haben, wie sie als ‚tägliches Brot‘ brauchen. Die Kirchentagsleitung versteht diese Losung als ‚Routenplanung‘ mit einer doppelten Stoßrichtung: ‚Gott sorgt für dich – es ist so viel da, wie du brauchst‘, aber auch: ‚Gebrauche nur so viel, wie da ist‘.“

Ja, das waren noch Zeiten, als die biblischen Schriftsteller das Bild eines Gottes entwarfen, der seine Größe erst noch zu beweisen hatte, damit das von ihm „auserwählte Volk“ bedingungslos an ihn glaubte. Da brauchten die Menschen bei ihrem Marsch durch die Wüste – so wird berichtet – nur wiederholt zu „murren“, und schon setzte der große Gott ein paar Naturgesetze außer Kraft, und siehe da: Die Menschen hatten genug zu essen und zu trinken. Wenn sie auch mit Wachteln, Wasser und Brot keine allzu große Auswahl hatten.

Das ist bekanntlich heutzutage anders: Nahrungsmittel gibt es in Hülle und Fülle und in der mannigfachsten Art, und sie werden auf gar nicht wundersame Weise hergestellt. Das müssen natürlich auch diejenigen berücksichtigen, die von Amts wegen damit befasst sind, der biblischen Geschichte eine Botschaft „für die heutige Zeit“ abzulauschen. Deshalb drängt sich uns die Vermutung auf, dass die Kirchentagsleitung – noch ganz in Gedanken an 2. Mose – bei einem Gang durch den Supermarkt auf ihr Kirchentagsmotto gekommen ist, um so die frohe Botschaft verbreiten zu lassen: „Gott sorgt für dich – es ist so viel da, wie du brauchst.“

Diese Botschaft gibt uns zu denken. Damit meinen wir nicht den Versuch, angesichts eines überquellenden Warenangebots eine Werbung für den lieben Gott zu machen. Das ist nun einmal Glaubenssache, darüber lässt sich schlecht streiten. Sehr wohl streiten aber lässt sich über den zweiten Teil der Aussage, dass das, was „da“ ist, so einfach von den Menschen gebraucht werden kann. Oder soll man das etwa auch nur glauben? Doch für den Fall, dass es von der Kirchentagsleitung als Sachaussage gemeint ist, möchten wir etwas zu bedenken geben: Anders als der wundertätige Herr im Buch Mose haben die irdischen Herren dafür gesorgt, dass die Güter des Bedarfs mit einem Preisschild versehen sind, das zwar klein, aber doch von großer Bedeutung ist. Denn damit ist ausgedrückt, dass die Dinge, die man zum Leben braucht, nicht „da“ sind, um nach Bedarf gebraucht zu werden, sondern um damit Geld zu ver­dienen. Was umgekehrt heißt: Wer nicht zahlungsfähig ist, dessen Bedarf zählt nicht. Die Armen und Bedürftigen dieser Welt können davon ein Lied singen.

Doch die Leitung des evangelischen Kirchentages hat sich dazu entschieden, ein anderes Lied zu singen: nämlich das von den eigentlich guten gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen genug für alle da wäre, wenn, ja wenn der Mensch in seinem Hang zu „Egoismus und Verantwortungslosigkeit“ nicht immer wieder danach trachten würde, sich von dem, was „da“ ist, zu viel zu nehmen, so dass andere immer wieder zu kurz kommen, in Armut oder gar in den Hungertod getrieben werden. Was für ein Unsinn! Was auch für die zweite „Stoßrichtung“ des Kirchentages gilt, die daher kommt wie das 11. Gebot des Herrn: „Gebrauche nur so viel, wie da ist.“

Deshalb in knappen Worten eine sachliche Richtigstellung: Es gibt nicht wie im Buch Moses eine Verteilung der vorhandenen Güter des Bedarfs, die gibt es – wie schon erwähnt – nur zu kaufen. Also gibt es auch keine Möglichkeit, sich mehr zu nehmen, als man braucht. Jedenfalls nicht für die Mehrheit der Menschen auf dieser Erde. Außer durch Diebstahl, aber der ist bekanntlich illegal und deshalb eine Ausnahme. Was allerdings in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen legal und deshalb keine Ausnahme, also auch nicht mit einer unmoralischen „Vorteilsnahme“ zu verwechseln ist, ist die gesetzlich gewährte Freiheit des privaten Eigentums, sich durch die Beschäftigung von Menschen, die davon abhängig sind, mit Arbeit zu Geld zu kommen, erfolgreich zu bereichern. Das hat bekanntlich Folgen für die, die Arbeit haben oder aus den gleichen geschäftlichen Gründen oft keine Arbeit haben: Sie haben meist nicht das, was sie zum Leben brauchen. Und schon gleich nicht, was sie vom Leben erwünschen.

Also: Dass es so vielen Menschen in diesen Verhältnissen so dreckig geht, dass sie von dem produzierten Reichtum nichts haben, das ist keine Folge des schlechten Benehmens einzelner, keine Folge eines „verantwortungslosen Handelns“ – das ist ein Sachzwang dieses marktwirtschaftlichen Systems. In diesem System ist das Bedürfnis der Menschen nach einem guten Lohn ein Kostenfaktor, der – um erfolgreich Geschäfte zu machen – beständig zu minimieren ist.

Womit über das „Soviel du brauchst“ ziemlich eindeutig entschieden ist.

Dies ist ein Artikel aus der Zeitung Nicht zu glauben!, die Herr Keiner und andere auf dem Kirchentag verteilt haben.

© HerrKeiner.com  8. Mai 2013