Margot Käßmann wirbt für Toleranz gegenüber Andersgläubigen – warum eigentlich?

In ihrer Eigenschaft als Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum 2017 hat Margot Käßmann in der FAZ (30.3.13) auf die „dunkle Seite der Reformation“ aufmerksam gemacht: „Es kann kein Reformationsjubiläum geben, dass bei aller Freude über die Errungenschaften der Reformation ihre Schattenseiten nicht benennt.“ Mit dieser „Schattenseiten“ ist eine Hetz-Schrift Martin Luthers gemeint, in der dieser dazu aufrief, die Kirchen und Schulen der Juden „mit Feuer anzustecken“, ihre Privathäuser „zu zerbrechen“ und die andersgläubigen Juden „wie Zigeuner in einen Stall“ zu stecken.

Doch schon die Charakterisierung dieses christlichen Aufrufs zur Zerstörung des Jüdischen als „dunkle Seite“ der Reformation zeigt, dass Margot Käßmann sich erst gar nicht die Frage vorlegen will, ob der von Luther gepredigte Hass auf die Juden (der Reformator rief die deutschen Fürsten dazu auf, die Juden „aus ihren Gebieten zu verjagen“) statt als bloßer Ausrutscher nicht vielmehr als fester Bestandteil der christlichen Lehre zu erklären ist. Woran zu sehen ist: Das ist schon eine Crux mit dem Blick auf die eigene christliche Vergangenheit. Da zieht sich eine enorme Blutspur durch die christliche Geschichte, in der Anders­gläubige aller Art (ob sie nun „Juden“, „Mohammedaner“, „Katharer“ oder „Wiedertäufer“ hießen) terrorisiert, vertrieben oder umgebracht wurden, doch eine Absage an den christlichen Fundamentalismus ist nicht zu vernehmen. Im Gegenteil die frohe Botschaft: Mit dem christlichen Geist der Bibel hat das alles nicht zu tun!

Doch war da nicht mal was mit einem Geschichtenschreiber namens Matthäus, der die Juden als Verantwortliche am Tod des christlichen Religionsgründers dingfest machte und die „Schuldigen“ ausrufen ließ: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Oder was soll man von einem Gebot halten, das andere Schreiber zuvor einem Herrn namens „Gottvater“ in den Mund gelegt haben: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir … Denn, ich der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen.“ (Lutherbibel)

Da liegt doch die Vermutung nahe, dass die Unversöhnlichkeit gegenüber abweichenden Gottesvorstellungen geradezu als ein Auftrag der christlichen Botschaft zu verstehen ist. Was nicht nur für diese Religion gilt. Denn mit dem Beschluss, an Jahwe, Jesus, Allah oder sonst wen zu glauben, machen die Anhänger der Religion etwas entschieden Eigenes auf, das in seiner Allein-Gültigkeit gesichert und gegen jeden Abweichler „eifernd“ verteidigt werden muss. (Wegen dieses Anspruchs auf Allein-Gültigkeit hatte die katholische Konkurrenz den bemerkenswerten Einfall, ihr Vereinsoberhaupt in Glaubens­fragen für „unfehlbar“ zu erklären.)

So liegt es gerade an diesem religiösen Unvereinbarkeitsbeschluss in Gestalt je eigener „Glaubenswahrheiten“, die immer wieder Leute wie Frau Käßmann auf den Plan rufen, um im Geist der Nächstenliebe für „Toleranz und Dialog“ zwischen den Religionen zu votieren. Doch von diesem „Warum“ ihrer Botschafter-Tätigkeit will sie als gläubige Anhängerin ihrer Kirche selbstredend nichts wissen; sie weiß nur, dass man auf der Hut sein muss, da der religiöse Geist des Hasses auch weiterhin sein Unwesen treiben wird: „Trotz des neuen Bewusstseins und der Überwindung des Antijudaismus … kommt der Antisemitismus auf erschreckende Weise immer wieder zum Vorschein. Insofern gilt, frei nach Bachs Matthäuspassion: ‚Die Müh ist nicht aus, die unsre Sünde gemacht hat‘.“

Wozu die liebe Sünde doch alles gut ist: Sie ist nun einmal eine „Schattenseite“ des menschlichen Daseins, die dem guten Geist der Luther-Religion nichts anhaben kann. In dieser guten Meinung von sich sind alle Religionen sich einig. Und eben deshalb gegeneinander so feindselig!

Dies ist ein Artikel aus der Zeitung Nicht zu glauben!, die Herr Keiner und andere auf dem Kirchentag verteilt haben.

© HerrKeiner.com  8. Mai 2013