Lincoln – das Hohe Lied von der Sklavenbefreiung

Herr Keiner war mit Freunden im Kino, um sich den neuen Film über den US-Präsidenten Lincoln und dessen Wirken im amerikanischen Bürgerkrieg anzuschauen. Da sie vorher die einhelligen Lobeshymnen in der deutschen Presse gelesen hatten, waren sie auf das Schlimmste gefasst: auf einen patriotischen Bilderreigen, der den Gewinner des amerikanischen Bürgerkriegs als wahren Freund der Unterdrückten und Ausgebeuteten zu zeichnen sucht. Was sie allerdings in der Form nicht erwartet hatten: einen „Geschichtsfilm“ zu sehen, dem nicht einmal andeutungsweise zu entnehmen war, was die wirklichen Gründe für den amerikanischen Bürgerkrieg und die Abschaffung der Sklaverei in den Südstaaten waren. Ein Film, der nicht einen Gedanken darauf verschwendete, wieso die Versklavung von Menschen seit Gründung der USA über 80 Jahre ihre guten Dienste getan hatte, aber nun ausgerechnet im Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten zum Stein des Anstoßes wurde.

Als Herr K. anschließend bei einem Bier mit seinen Freunden das Gesehene zu sortieren suchten, sagte einer von ihnen: „Dieser Film ist ein einziges Zeugnis der Selbstgerechtigkeit des amerikanischen Patriotismus. Argumente, die das hehre Bild vom Sklavenbefreier Lincoln in Zweifel ziehen könnten, sind erst gar nicht der Rede wert, sie würden nur stören. So hat es einfach nicht zu interessieren, dass es im amerikanischen Bürgerkrieg nicht um das Ja oder Nein zur Sklavenhaltung ging, sondern um die territorialen Grenzen der Sklavenwirtschaft. Denn diese brauchte, um profitabel zu arbeiten, immer mehr Land, und die versuchte Ausbreitung in das Gebiet der Unionsstaaten geriet in Konflikt mit den Interessen eines aufstrebenden Kapitalismus, der in der Freiheit der Lohnarbeit seine profitable Grundlage hat. Mit der verordneten Sklavenbefreiung sollte der Süden im Kampf um die Herrschaft im Land geschwächt werden, sollte ihm seine ökonomische Grundlage streitig gemacht werden.“

„Das ist richtig“, pflichtete ein anderer Freund bei, „doch was mich bei dem Film noch mehr geärgert hat als die offenkundige Geschichtsfälschung, das ist die politische Botschaft für die heutige Zeit. Denn dem vermittelten Bild des Gutmenschen Lincoln tat es in dem Film überhaupt keinen Abbruch, dass der Sieg seiner Partei in der parlamentarischen Abstimmung auf Geheiß des Präsidenten mit den Mitteln der Korruption und Bestechung zustande kam. Also lautet die Botschaft: Keine Skrupel bei der Wahl der Mittel, wenn es um so hohe amerikanische Werte wie den der ‚Freiheit‘ geht. ‚Guantanamo‘, ‚waterboarding‘ und ‚Drohnenkrieg‘ lassen grüßen!“

Da meldete sich Herr K. zu Wort und sagte: „Ich kann mich dem Gesagten nur anschließen, möchte aber noch einen Gedanken zum proklamierten Wert der ‚Freiheit‘ hinzufügen. Denn auch daran ist zu sehen, dass den Befürwortern der Sklavenbefreiung mitnichten das Wohl der ausgebeuteten Schwarzen am Herzen lag. Denn die einzig entscheidenden Fragen standen nicht auf der Tagesordnung ihrer Befreier: Wie können die befreiten Sklaven existieren in ihrer neuen Freiheit? Welche materiellen Mittel haben sie, um sich ein Überleben in den neuen Lebensverhältnissen zu sichern?

Also sah die gewonnene Freiheit für die Schwarzen in der Realität wie folgt aus: sich entweder einzureihen in das Heer der Arbeitslosen oder das einzig vorhandene Angebot anzunehmen, das Verpflegung und Sold versprach: als Kanonenfutter im Dienst der Unionstruppen ihren Dienst zu tun. Davon haben Hunderttausende Gebrauch gemacht, und zig-Tausende sind daran verreckt. Schließlich hatte der Herr Lincoln auch an diese Art der Arbeitsbeschaffung gedacht, als er im Krieg die Freiheit und Gleichheit aller Menschen auf amerikanischem Boden proklamierte. Auch hier heiligte der Zweck die eingesetzten Mittel.“

© HerrKeiner.com  1. Februar 2013