Kritik an Israel

Herr G., der befreundete Lehrer kam zu Herrn Keiner, um mit diesem über die Reaktionen zu sprechen, die ein deutscher Dichter mit seiner Kritik an Israel ausgelöst hatte. Er sagte: „Das ist doch ein Unding! Da beteuert dieser Mann mit seiner Warnung vor einem Angriffskrieg gegen den Iran, dass er seine Kritik als guter Freund der Israelis verstanden wissen möchte, dass es ihm um die Erhaltung des Friedens in der Region gehe, doch das hilft ihm überhaupt nicht. Er wird postwendend des ‚Antisemitismus‘ bezichtigt, was soviel heißt wie: Mit den geäußerten Befürchtungen muss man sich erst gar nicht befassen, denn diese Kritik verdankt sich – so das vernichtende Urteil – einer rassistischen Feindschaft gegen das Volk der Israelis. Mit der Folge: Dieser Kritiker darf ab sofort das Land Israel nicht mehr betreten.“

„Ja“, sagte Herr K., „das ist eine üble Retourkutsche, und sie zeigt, dass hier, ohne auch nur eines der vorgebrachten Argumente zu prüfen und zu widerlegen, vom Standpunkt einer durch die gleiche Rasse verbundenen Volksgemeinschaft aus argumentiert wird, die auf ihren nationalen Zusammenhalt nichts kommen lässt. Negative Kritik kann daher nur ‚von außen‘ stammen, von solchen ‚Elementen‘, die als ‚Anti-Semiten‘ Feinde des israelischen Volkes sind. Deshalb reichte für diese Art Beweisführung schon der bloße Verweis auf die faschistische Vergangenheit des Dichters, um dessen Kritik an den Kriegsplänen Israels als Machwerk des Bösen zu denunzieren.

Doch zur richtigen Einordnung dieses Vorfalls“, so fuhr Herr Keiner fort, „möchte ich darauf hinweisen, dass der Staat Israel mit einer solchen Zurückweisung von Kritikern des Landes nicht alleine steht. Alle Staaten dieser Welt verstehen sich darauf, einer unliebsamen Kritik jedwede Berechtigung abzusprechen, und zwar mit der immer gleichen Argumentations-Logik, welche von der Selbstherrlichkeit der politischen Machthaber zeugt: Auch wenn sich die Bürger des eigenen Landes unangemessen kritisch äußern, sprechen diese nicht für sich selbst, sondern stehen im Dienst ‚volksfeindlicher Kräfte‘, deren ‚Hintermänner‘ immerzu in irgendeinem ‚feindlichen Ausland‘ verortet werden. So wurden zu Zeiten des Kalten Krieges radikale Kritiker im Westen als ‚5. Kolonne Moskaus‘, auf der Gegenseite – ganz spiegelbildlich – als ‚Agenten des CIA‘, also in beiden Fällen als Landesverräter dingfest gemacht.“

„Ihre Ausfürungen leuchten mir ein“, sagte Herr G., „doch mir stellt sich die Frage: Sind diese haltlosen Argumente zur Bloßstellung unliebsamer Kritiker nicht allseits durchschaut? Und wenn ja, warum ist gerade im Falle Israels zu registrieren, dass sich jede Kritik an diesem Land nur sehr verhalten äußert, gerade so, als ob die Kritiker Angst davor hätten, als ‚antisemitisch’ geoutet und damit geistig in die Nähe der faschistischen Progrome gegen die Juden gerückt zu werden?“

„Diese Frage habe ich mir auch gestellt“, antwortete Herr K., „doch wenn man bedenkt, dass der Vorwurf des ‚Antisemitismus‘ dem gleichen geistigen Strickmuster folgt, wie auch in anderen Staaten mit störender Kritik verfahren wird – man denke nur an die Nachkriegs-Kampagne der USA gegen ‚antiamerikanische Umtriebe‘ – , so kann es keine Frage der Güte des Arguments sein, dass Israel mit dem Antisemitismus-Vorwurf so erfolgreich Politik macht. In Wahrheit kann sich das nur der Machtposition verdanken, die sich Israel im Nahen Osten erobert hat, und: Wie alle Welt weiß, ist das, was sich dieser Staat so alles an Freiheiten herausnimmt, nahezu uneingeschränkt von der mächtigsten Nation dieser Welt, den USA, gedeckt. So darf Israel wider jedes Recht fremdes Land besetzen, Atomanlagen in Staaten der Region zerstören, sich selbst mit Atomwaffen ausstatten – am Veto der USA sind noch alle Versuche anderer Staaten gescheitert, mit Hilfe der UNO diesem kriegsträchtigen Treiben Israels Einhalt zu gebieten.“

„Also liegt es dann auch wohl am Respekt vor diesen Machtverhältnissen, wenn die Kritik des Dichters in der deutschen Öffentlichkeit nur wenig Zuspruch fand.“

„Ja“, antwortete Herr K., „das sehe ich auch so. Moralisch wird die besondere Freundschaftsbeziehung zu Israel zwar immer mit der ‚Schuld der Vergangenheit‘ begründet, doch in Wahrheit wird in der Parteilichkeit der Medien für ihr Land nur das geistig nachvollzogen, was die Interessenslage der deutschen Außenpolitik vorgibt: Das Begehr, die Potenz der politischen Einflussnahme auf die Staaten des Nahen Ostens zu vergrößern, ist mit Aussicht auf Erfolg nur durch die enge Partnerschaft mit Israel zu realisieren. Und es liegt an eben dieser außenpolitischen Berechnung, dass jede Kritik, die Israel unnötig verärgert, in Deutschland völlig fehl am Platze ist.“

© HerrKeiner.com  19. September 2012