Kriegsplanung gegen Syrien

Bei einer Diskussion über den geplanten Krieg der USA gegen Syrien meldete sich ein Gesprächsteilnehmer zu Wort und sagte: „Meines Erachtens ist das ein Zeichen von Arroganz der Weltmacht USA, wenn sie es gar nicht für nötig hält, stichfeste Beweise für den Giftgas-Einsatz auf Befehl der Regierung Assad vorzulegen. Im Falle des Krieges gegen den Irak wurden die vorgelegten Beweise schlicht gefälscht, im Fall Syrien setzt man einfach die Behauptung in die Welt, über das nötige Beweismaterial zu verfügen. Das zeigt doch nur, wie entschlossen die USA sind, diesen Militärschlag auf jeden Fall zu führen.“

„Das sehe ich auch so“, sagte darauf Herr K., „deshalb sollte man sich an der Diskussion auch nicht beteiligen, ob das syrische Regime dieses „schreckliche Verbrechen“ begangen hat oder nicht. Denn dieser von den USA erhobene Vorwurf ist nur der moralische Titel für ihre Intervention, der wirkliche Kriegsgrund ist das nicht.

Denn vom Standpunkt der Weltmacht USA kommt es schon sehr darauf an, wer diese Waffen und in welchem Interesse einsetzt. Dient der Einsatz von chemischen Waffen – wie im Vietnam-Krieg – der Durchsetzung der eigenen Interessen, so geht das voll in Ordnung. Oder setzt ein militärisch Verbündeter Giftgas ein – wie Saddam Hussein zur Zeit seines von den USA geförderten Krieges gegen den Iran – so geht auch das völlig in Ordnung. Aber eben nicht gerecht­fertigt ist das im Falle eines Staates wie Syrien, weil die USA diesen als Störenfried ihrer Ordnung im Nahen Osten ausgemacht haben. Deshalb sind sie schon seit einiger Zeit durch die Unter­stützung der Rebellen in den syrischen Bürgerkrieg eingekauft, unter tatkräftiger Mithilfe von Verbündeten wie Saudi-Arabien und der Türkei. Und jede Woche Bürgerkrieg kostet das syrische Regime einiges an militärischer Schlagkraft und ruiniert dessen wirtschaftliche Grundlagen.“

„Für mich ist das alles schwer zu begreifen“, meldet sich da ein anderer Diskussionsteilnehmer zu Wort. „ich kann mich noch genau erinnern, wie der syrische Führer Assad in den westlichen Medien – wenn auch in verhaltenen Tönen – als ‚fortschrittlicher Herrscher` gelobt wurde, der in seinem Land ‚Reformen‘ einleitet und den Versuch macht, sich gegenüber dem Westen zu ‚öffnen‘. Wie kommt es, dass sich Syrien – wie aktuell zu sehen – diese kompromisslose Feindschaft der USA zugezogen hat?“

„Das kann nur daran liegen“, sagte darauf Herr K. „dass der syrische Anpassungswille den USA entschieden nicht weit genug geht. Syrien will sich nicht abfinden mit der israelischen Besetzung der Golan-Höhen, will sich nicht umstandslos in eine amerikanische Ordnung der Region fügen, die es Israel erlaubt, nach eigenem Gutdünken seine Grenzen auf Kosten der Anrainer-Staaten zu verschieben. Syrien hat deshalb den Aufstand der Palästinenser gegen Israel unterstützt und freundschaft­liche Beziehungen zum Iran unterhalten, den die USA – in weit größerem Maße als Syrien – als den Hauptfeind in dieser Region ausgemacht haben. Vom Standpunkt der USA reicht das, um der syrischen Regierung mit überlegener Gewalt den Kampf anzusagen.“

„Also ist dieser Krieg gegen einen ‚Verbrecher und Mörder`, wie der amerikanische Vizepräsident es bezeichnet hat, einmal mehr der Beleg dafür“, warf eine Diskussionsteilnehmerin ein, „dass die USA nicht einfach Gegner haben, weil die so ‚böse‘ sind, sondern dass sie sich mit ihrer Politik ihre Gegner schaffen. Die ganze Nachkriegs­geschichte der Nah-Ost-Region ist voll von Beispielen, wie alle Spielarten eines abweichenden arabischen Nationalismus domestiziert und mit Waffengewalt zur Unterordnung unter die Interessen der aufsichtführenden Weltmacht USA und seines Partners Israel gezwungen wurden. Auch dieser Krieg gegen Syrien wird wieder neue Gegnerschaft in den arabischen Ländern hervorrufen, und die USA können wieder mit dem Finger auf neue ‚Terroristen‘ zeigen, die erbarmungslos bekämpft werden müssen.“

„Ja“, sagte Herr K., „das sind die einkalkulierten Folgen, wenn – wie aktuell im Falle Syrien – einmal mehr unter Berufung auf ‚höchste menschliche Werte‘ ein militärischer Waffengang vorbereitet wird.“

© HerrKeiner.com  20. September 2013