Klagen über Lohn-Dumping

Herr Keiner las in der Zeitung einen Bericht über belgische und bretonische Arbeiter, die ihren Ärger über deutsche Dumping-Löhne „öffentlich herausschreien“, mit denen deutsche Schlachtereien die Konkurrenz in ihren Ländern ausstechen. „Diese Arbeiter sind nicht gut beraten“, sagte Herr Keiner, „wenn sie sich den Klagen anschließen, die in zahlreichen europäischen Ländern, aber auch in den USA über die Erfolge der deutschen Exportindustrie laut werden. Denn diese hat allein im laufenden Jahr einen Überschuss von 200 Milliarden Euro zu verzeichnen, und jetzt beschweren sich diejenigen Staaten, auf deren Kosten der deutsche Exporterfolg zustande gekommen ist. Denn was dem einen sein Plus im Handel mit den anderen Staaten, das schlägt sich sachnotwendig als Minus auf Seiten der „Partner“ nieder. So ist aus den USA der Vorwurf zu vernehmen, dass sich „Europas größte Volkswirtschaft auf Kosten anderer saniere“, und die belgische Regierung ist höchst offiziell bei der EU-Kommission vorstellig geworden, um über „deutsches Lohn-Dumping“ Beschwerde zu führen, weil sie dieses für den deutschen Exporterfolg verantwortlich macht.

„Solche Klagen sind zunächst mal Ausdruck einer ziemlichen Heuchelei“, sagte Herr K., „denn die Beschwerde führenden Staaten wissen an anderer Stelle nur zu genau, dass das Konkurrieren in einer freien Marktwirtschaft keine wohltätige Veranstaltung ist, die sich dem Ziel verschrieben hat, dass beim wirtschaftlichen Hauen und Stechen niemand zu Schaden kommt. Das Wirtschaften auf Kosten des anderen, das betreibt jeder der beteiligten Staaten, und auch in Sachen ‚Lohn-Dumping‘ haben sie sich wechselseitig nichts vorzuwerfen – das ist gängige Praxis auch in den Ländern, die sich einen gesetzlichen ‚Mindestlohn‘ verordnet haben.

Also sollten sich die protestierenden bretonischen und belgischen Arbeiter nicht der Illusion hingeben“, fuhr Herr K. fort, „dass es um die Vertretung ihrer Interessen ginge, wenn sich die politisch Verant­wortlichen über „Dumping-Löhne“ beim deutschen „Exportwelt­meister“ beklagen und bei der EU-Kommission auf Abhilfe dringen. Denn allein darum geht es bei all dem Lamentieren über einen durch Deutschland „verfälschten Wettbewerb“: Mit Hilfe des gemeinsamen Wirtschaftsbündnisses Druck auf die wirtschaftliche Führungsmacht auszuüben, den Schaden für die Wirtschaft der Verlierer-Länder irgendwie in Grenzen zu halten. Für die Interessen der Wirtschaft wohlgemerkt, und das ist nicht mit einer Schadensbegrenzung für diejenigen zu verwechseln, die als Lohnabhängige vom Erfolg dieser Wirtschaft abhängig gemacht sind. Am Beispiel Griechenland wird das nur allzu deutlich: Hier haben die gleichen Länder, die jetzt über ‚Dumping-Löhne‘ in Deutschland Klage führen, gemeinsam mit Deutschland ein massives Senken des griechischen Lohnniveaus politisch verordnet, um so der Wirtschaft dabei zu helfen, wieder ‚wettbewerbsfähig“ zu werden.

Also wären die bretonischen und belgischer Schlachthaus-Arbeiter besser beraten“, sagte Herr Keiner, „wenn sie statt mit ihrer Nation und ihren Schlachthaus-Besitzern mit den deutschen Arbeiter-Kollegen gemeinsame Sache machen würden. Nur so können sie versuchen, ihre Interessen wirksam durchzusetzen. Denn für die wirtschaftlich Mächtigen in den streitenden Nationen ist der Einsatz ihrer Arbeitskraft nur ein Mittel, sich im europäischen Konkurrenzkampf durchzusetzen. Mit möglichst „niedrigen Arbeitskosten“. Dieses wirtschaftliche Gebot gilt überall – nicht nur beim ‚Exportweltmeister‘ Deutschland.“

© HerrKeiner.com  30. November 2013