Klagen über die Arbeitsmoral

In einem Land, das als „unterentwickelt“ bezeichnet wurde, hörte Herr K. einen Fabrikanten über die Arbeitsmoral seiner Arbeiter klagen: „Nie kommen sie pünktlich, nie bleiben sie über längere Zeit. Die Arbeiter kommen und gehen, wann sie wollen.“

„Das kann nur den verwundern“, dachte Herr K., „der die Arbeitsmoral in diesem Land mit der in den entwickelten Ländern der Marktwirtschaft vergleicht. Doch da hat es viele, viele Jahre gedauert, bis die Arbeiter die ihnen abverlangten Arbeitstugenden aufbrachten. Das passiert erst in Verhältnissen, die den kleinen Leuten gar keine andere Wahl ließen, als sich durch lebenslange Fabrikarbeit ein Einkommen zu verschaffen“, sagte Herr K.

„Vielleicht haben die Menschen, über die der Fabrikant klagt, noch ein Stück Land, von dessen Erträgen sie halbwegs existieren können. Vielleicht können sie sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten und leben in Hütten, für die sie keine Miete zahlen müssen, oder sie versorgen sich mit Fischen aus dem nahe gelegenen Meer. Dann ist ihre Not nicht groß genug, um sich Tag für Tag der Fabrikarbeit auszuliefern.

Dass eine solche Lebensperspektive abschreckend wirkt“, sagte Herr K., „lässt sich auch an den Entscheidungen für die besseren Berufe hierzulande sehen. Ob Lehrer, Manager, Richter oder gut bezahlte Gottesdiener – alle Menschen, die eine solche Berufskarriere anstreben, haben eines gemeinsam: auf keinen Fall einen großen Teil ihres Lebens in einer Fabrik verbringen zu müssen. Da können sich diese Menschen etwas Besseres vorstellen.“

© HerrKeiner.com  23. Dezember 2011