Indian people

Herr G., der Lehrer, kam zu Herrn K. und erzählte ihm, dass er zur Vorbereitung des Geschichtsunterrichts ein Buch über die Eroberung des amerikanischen Westens gelesen habe. Er sagte: „Durch die Lektüre dieses Buches ist mir erst so richtig klar geworden, wie brutal und menschenverachtend die weißen Eindringlinge mit der dort ansässigen indianischen Bevölkerung verfahren sind. Das war nichts anderes als eine einzige ethnische Säuberung. Das war ein schreiendes Unrecht.“

Darauf erwiderte Herr K.: „Ich teile ihren Zorn über die Widerwärtigkeit dieser Landnahme. Doch nach geltendem Recht, das die Landbesetzer einzuführen trachteten, war dies, was sie taten, kein Unrecht. Denn vom Standpunkt des durchzusetzenden Privateigentums war das Land, das von den Ureinwohnern genutzt wurde, herrenlos.

Nach bürgerlichem Recht gehörte den Indianern das Land nicht, ein Grundbuchamt haben die weißen Eindringlinge bei den Indianern nicht vorgefunden. Man konnte ihnen also auch das Land nicht abkaufen, da es in der dafür nötigen Eigentumsform gar nicht existierte. Man konnte es ihnen einfach nehmen, und die neu installierte Eigentumsform war etwas Ausschließendes; sie schloss die Benutzung des Landes durch die dort Ansässigen kategorisch aus.

Eben diese Rechtsverhältnisse machten die Ansprüche der weißen Landbesetzer so unversöhnlich und – als Reaktion darauf – die Reaktion der Indianer so feindselig. Aus der Sicht des importierten Rechts waren diese ohnehin keine richtigen Menschen. Sie galten als ‚Wilde’ oder ‚Heiden’ – der Terrorismus-Vorwurf war damals noch nicht erfunden –, die man bei gegebenem Anlass einfach niedermachen konnte.“

Und Herr K. fügte hinzu: „Diese Geschichte sollten Sie mal Ihren Schülern erzählen.“

„Ihre Ausführungen haben mir sehr eingeleuchtet“, antwortete Herr G., „doch es braucht Geschick, solche Wahrheiten in der Schule zu vertreten. Denn erstens darf ich nicht sagen, dass ich diese Ansichten teile, wenn ich sie den Schülern vortrage, und zweitens muss ich mindestens eine entgegengesetzte Ansicht dazu legen, um meinem Unterrichtsauftrag einer ausgewogenen Geschichtsdarstellung gerecht zu werden.“

„Ja, so geht es zu in der Schule“, sagte Herr K., „doch für den Unterricht in den Oberklassen gibt es doch die offizielle Auftragslage, dass kontrovers diskutiert werden soll. Da lässt sich doch ein wenig Wahrheit unterbringen.“

„Das sehe ich auch so, das kann man probieren“, sagte Herr G., und beide waren zufrieden mit diesem Ergebnis ihrer Diskussion.

© HerrKeiner.com  19. September 2012