Hilfe für Griechenland

Als in Griechenland gegen den Besuch der deutschen Bundeskanzlerin lautstark Protest erhoben wurde, zeigte sich eine große deutsche Boulevard-Zeitung zutiefst empört und angewidert. „Das kann nicht verwundern“, sagte Herr K., „denn schon seit Monaten zeichnet diese Zeitung ein Bild von der Griechenland-Krise, das mit der Wirklichkeit rein gar nichts, dafür aber mit einer national-moralischen Deutung der Lage sehr viel zu tun hat. Wie in einem schlechten Kindermärchen wird das Bild gezeichnet, wonach ein fleißiges, also gutes Volk mitansehen muss, wie ein faules, also schlechtes Volk sich in eine Krise hineinwirtschaftet, um dann auch noch aufsässig zu werden, wenn ihm die verschriebenen Mittel zur Genesung seines Landes nicht schmecken. Woraus nach dieser Lesart der Krise zu folgen hat: Wer so undankbar ist, darf sich nicht wundern, wenn den Guten der Geduldsfaden reißt und diese ihre Hilfeleistung einstellen!“

Zur Widerlegung solcher nationalistischer Ammenmärchen schlug Herr K. vor, den Zweck der „Hilfe für Griechenland“ einmal nüchtern zu betrachten, also herauszufinden, wem da wie und wozu geholfen werden soll. So fand er in einer anderen deutschen Zeitung die folgende Mitteilung:

„Falsch ist, dass die Hilfeleistungen den griechischen Bürgern zugutekommen, etwa als Renten und Gehälter. Vielmehr sollen die Milliarden auf ein Sperrkonto fließen und von dort verwendet werden, um Schulden zu tilgen.“

„Daraus lässt sich schließen“, sagte Herr K., „dass die  „Hilfeleistungen“ für Griechenland  in Wahrheit dazu bestimmt sind, in die Taschen der Gläubiger in den europäischen Ländern, vor allem in Deutschland, zu fließen, also das Finanzvermögen der Bankenwelt zu retten, die jahrelang an der Kreditierung Griechenlands gut verdient und sich am Ende verspekuliert hat. Als Verlierer-Nation der innereuropäischen Konkurrenz wurde Griechenland von den ‚Märkten‘ das Vertrauen entzogen, die angehäuften Schulden wie bisher durch weiteres Schuldenmachen zu bedienen.

Doch da ist noch ein weiterer Nutznießer der ‚Hilfe für Griechenland‘ auszumachen“, fuhr Herr K. fort, „denn mit dieser Hilfe für die Bankenwelt tun sich die kreditgebenden Staaten selbst einen großen Dienst: Sie suchen ihre eigene Kreditwürdigkeit zu retten, welche durch ihren milliardenschwere Hilfe zur Bewältigung der letzten Bankenkrise nachhaltig gelitten hat.“

Daher kam Herr K. zu dem Schluss: „Vielleicht sollte der deutsche Leser der Boulevard-Zeitung, der in der Regel nicht zu den Bessergestellten des Landes gehört, mal die eigene soziale Lage mit der der protestierenden Menschen in Griechenland vergleichen. Denn ebenso wie diese gehört er weder zu den Auftraggebern noch zu den Nutznießern der ‚Hilfe für Griechenland‘. Das könnte einem zu denken geben.“

© HerrKeiner.com  28. November 2012