Herrschaftszeiten

„In allen großen Ländern der Freiheit“, sagte Herr Keiner in einer Rede über die gesellschaftlichen Verhältnisse, „haben es die hohen Herrschaften, die für das Regieren und Wirtschaften zuständig sind, ausgesprochen bequem. Damit meine ich nicht, dass sie all die Sorgen nicht haben, die sie vielen anderen Menschen bereiten. Das gehört zur Normalität dieser Art Arbeitsplätze. Ich denke vielmehr daran, wie frei und unbehelligt die, die Verantwortung tragen, ihren Beruf ausüben können. Schließlich wäre es auch denkbar“, fährt Herr K. fort, „dass sich die Unteren störend bemerkbar machen, wenn sie ein ums andere Mal registrieren müssen, dass sich die eigenen Lebensinteressen mit der Aufgabe der Amtsträger, für eine erfolgreiche Zukunft des Landes Sorge zu tragen, ganz und gar nicht vertragen. Wenn nicht zu übersehen ist, dass die Verordnung von wachsender Armut das Mittel dafür ist, den Wettstreit mit den anderen wirtschaftlich mächtigen Ländern erfolgreich zu bestehen. Das könnte die, welche die ‚kleinen Leute’ genannt werden, auch auf den Ge­danken bringen, es denen ‚da oben’ nicht mehr zu überlassen, über ihre Lebenslage zu bestimmen.“

„Aber Herr K.“, meldete sich einer der Zuhörer zu Wort, „was hindert denn die Betroffenen daran, für die eigenen Interessen einzutreten und den Oberen das Leben schwer zu machen?“

„Die Unteren haben sich zu sehr daran gewöhnt, nicht zuständig zu sein“, antwortete Herr Keiner. „Sie haben sich zu sehr daran gewöhnt, dass befugte Leute über ihr Leben bestimmen.“

„Aber wo man auch hinhört“, war eine andere Stimme aus dem Publikum zu vernehmen, „überall hört man doch Klagen und Beschwerden.“

„Eben“, antwortete Herr K., „genau das betätigt das, was ich meine. Wer sich beschwert und klagt, der will etwas einklagen bei denen, die zuständig gemacht sind. Der hält sich und Seines­gleichen also nicht für die richtige Adresse, die gewünschte Verbesserung seiner Lage herbeizuführen.

So meinte ich das mit den ‚Herrschaftszeiten’“, sagte Herr K. „Doch die Lage ist keineswegs hoffnungslos“, fügte er hinzu. „Denn ‚Herrschaftszeiten’, das ist eine Zeitform, die sich von den Menschen ändern lässt. Denn diese Zeitform gilt nur so lange, wie man sie sich gefallen lässt.“

© HerrKeiner.com  6. Juli 2010