Herr Keiner zum Weihnachtsfest

Herr Keiner hatte Besuch von der jungen Frau M. bekommen, die sich bei ihm bitter über die Aussicht beklagte, die Weihnachtsfeiertage noch ein weiteres Mal im Kreis der Familie zubringen zu müssen. „Das ist gar nicht so leicht, sich diesen familiären Feierlichkeiten zu entziehen“, sagte sie. „Wenn ich nur meinen Wunsch andeute, diese arbeitsfreien Tage nicht im Kreis der Familie, sondern mit guten Freunden zu verbringen, stoße ich auf absolutes Unverständnis und meine Mutter schaut mich nur fassungslos an. Doch wenn ich dann höflich nachfrage, ob sie mir einen vernünftigen Grund für das Feiern im Familienkreis nennen kann, bekomme ich nichts Überzeugendes zu hören. Nur immer wieder den gleichen beschwörenden Ausruf: Aber Kind, wir gehören doch zusammen!“

„Ja“, sagte Herr K, „eine Familie kann für die Zusammengehörigkeit ihre Mitglieder in der Tat keine guten Gründe benennen. Denn dieser Zusammenhang mit seinen Rechten und Pflichten ist vom Staat gestiftet, und da werden die Kinder nicht gefragt, ob sie sich in diesem Abhängigkeitsverhältnis von ihren Erzeugern wohl fühlen. Eine Abwahl der Erziehungsberechtigten ist nicht vorgesehen, als Kind ist man der Familie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Kein Wunder, dass dieser familiäre Zusammenhalt immer wieder beschworen und am ‚Fest der Liebe‘ mit falschem Pathos aufwändig gefeiert werden muss. Wo keine Gemeinsamkeit in den Interessen der Beteiligten besteht, muss das Gemeinsame mit Geschenken, Braten und Gesang kunstvoll inszeniert werden. Ganz nach dem Motto: Schaut her, wie gern wir uns haben!“

„Aber diese Inszenierung wird doch auch immer wieder von den Beteiligten durchschaut und oft genug als ‚hohl‘ und ‚verlogen‘ kritisiert“, sagte darauf Frau M. „Trotzdem betonen viele Menschen immer wieder die Wichtigkeit ‚ihrer Familie‘ als einen Zusammen­halt, den sie auf keinen Fall missen möchten. Ist das etwa alles gelogen?“

„Nein“, antwortete Herr K., „dieses weit verbreitete Lob der Familie ist nicht gelogen. Doch es wird unterschlagen, dass solche Sympathie-Erklärungen nicht ohne Berechnung erfolgen: Berechnung auf Unterstützung jedweder Art, materiell wie auch moralisch. So setzen die Familienglieder wechselseitig darauf, dass sie ihren Zusammen­hang als Rechts- und Pflichtverhältnis verinnerlicht haben und einander beistehen, wenn es die soziale Lage erfordert. Und damit auch verinnerlicht haben, dass die Familie ihre Pflicht als ‘Keimzelle des Staates‘ in diesen Verhältnissen zu erfüllen hat.“

Frau M. war eine Weile still und sagte dann: „Es ist schon erstaunlich zu sehen, wie selbstverständlich die Menschen ihre Beziehungen nach Maßgabe staatsbürgerlicher Verantwortung organisieren. Schließlich ist das für die Oberhäupter einer Familie auch kein Zuckerschlecken, dass die Aufzucht und Versorgung des Nachwuchses zu ihrer privaten Pflicht-Angelegenheit gemacht ist, was kaum noch Zeit für andere Interessen übrig lässt.“

„Das stimmt“, sagte darauf Herr K., „deshalb gilt für die Jungen wie die Alten das Gleiche: Seinen ‚Kreis der Lieben‘ sollte man sich besser mit Bedacht aussuchen.“

© HerrKeiner.com  19. Dezember 2013