Herr Keiner über Herrn Keuner

Herr Keiner schätzte die Geschichten von Herrn Keuner und hat sich in mancherlei Hinsicht an diesen ein Beispiel genommen. Er nahm sich vor, seine Geschichten mit vergleichbarer Distanz und Sachlichkeit aufzuschreiben. Er wollte wie Herr Keuner den Dingen auf den Grund gehen und dies in möglichst knapper, pointierter Form zum Besten geben. Und er wollte, dass der Leser den Namen ‚Keiner’ als seine schriftstellerische Devise versteht: Der Mensch, der diese Geschichten zu erzählen weiß, ist nicht wichtig, die mitgeteilten Gedanken sollen das Interesse der Leser wecken.

„Doch je weiter ich mit dem Erzählen meiner Geschichten vorankomme“, sagte Herr Keiner, „desto mehr bemerke ich, dass meine Geschichten denen des Herr Keuner nicht standhalten. Nicht, weil sie schlechter sind, sie sind in vieler Hinsicht anders ausgefallen.

Möglicherweise werden mir Kritiker vorwerfen, dass ich die literarische Figur des Herrn K. mit zu viel Grund-Gedanken überfrachtet habe, dass ich mir meiner Gedanken zu sicher bin, dass ich zu wenig Fragen und zu wenig Literarisches zu bieten habe.

Diese Kritik wird sicher aufkommen“, sagte Herr Keiner und fragte: „Soll ich mich etwa verbiegen, um einer literarischen Figur optimal zu entsprechen? Soll ich Fragen stellen, die ich nicht habe, nur um dem Denken den Anstrich des Grübelns zu geben? Und soll ich etwa leugnen, dass ich auch ein berechnendes Verhältnis zum Herrn Keuner habe, weil die Assoziation mit dem berühmten Herrn K. dem noch unbekannten K. dabei helfen soll, von mehr Menschen gelesen zu werden?

„Nein“, sagte Herr Keiner, Dergleichen wolle er nicht. Er müsse ohnehin gestehen, dass ihm die ‚Flüchtlingsgespräche’ des Herrn Bertolt B. noch besser gefallen haben als die Keuner-Geschichten.

„Doch Flüchtlingsgespräche habe ich noch nie geführt“, sagte Herr Keiner, „wie hätte ich ewas vergleichbar Gutes aufschreiben sollen?

Also werde ich mit meinen Geschichten so fortfahren, wie ich sie begonnen habe.“ Und er fügte hinzu: „Doch wie ich den Herrn Keuner und seine Art zu denken kenne, hätte dieser gegen die Gedanken des Herrn Keiner sicher nichts einzuwenden gehabt. Gegen die meisten sicher nichts. So ganz genau kann man das nie wissen“, sagte Herr K. und machte sich wieder an die Arbeit.

© HerrKeiner.com  14. Februar 2011