Herr K. und die Gewerkschaften

Daraufhin befragt, wie er denn zu den Gewerkschaften stehe, sagte Herr Keiner: „Wie kann ich zu etwas stehen, das ich nicht bemerke. Die Gewerkschaften in diesem Land sind damit beschäftigt, nicht unangenehm aufzufallen. Sie wollen nicht stören. Doch Gewerkschaften, die etwas bewirken wollen, müssen stören. Denn das Anliegen, das sie vertreten, bessere Lebens­bedingungen für ihre Mitglieder, ist der Sache nach eine Machtfrage, der auszuweichen, ist für die Mitglieder nicht von Nutzen.“

Als Herr K. sah, dass ihn der Fragesteller verständnislos anblickte, fuhr er fort: „Heutzutage versuchen die Gewerk­schaften vergessen zu machen, dass es sie nur gibt, weil sich die Interessen ihrer Mitglieder und die der Arbeitgeber unversöhnlich gegenüberstehen. Denn das, was die Arbeitnehmer zum Leben brauchen, ist für den Anwender der Arbeit nur eine Kost, die er möglichst gering zu halten sucht. Eine Rücksicht auf die Lebensinteressen der Arbeiter kennt die betriebliche Lohn­rechnung nicht, folglich müssen sich die Arbeiter zusammen­schließen, um mit der Verweigerung ihrer Dienstbarkeit die Gegenseite zu Zugeständissen zu zwingen.“

Als Herr K. bemerkte, dass der Fragesteller ihn immer noch verständnislos anschaute, sagte er: „Sie denken sicher an die ein oder andere Tarifrunde, in der die Gewerkschaften mit Lohn­forderungen auf sich aufmerksam machen.“ Als er sah, dass der Betreffende zustimmend nickte, sagte er: „Solche Aktionen machen die Gewerkschaften für sich, nicht zum Wohl ihrer Mitglieder. Sie sind wegen ihrer eigenen Unauffälligkeit in Beweisnot: Sie müssen unter Beweis stellen, dass ihre Mitglieder sie noch brauchen.“

„Aber es wird doch zumeist etwas für die Mitglieder heraus­geholt, jedenfalls mehr als das, was die Gegenseite im Angebot hatte“, wandte der Fragesteller ein. „Sicher, auf diesen Unterschied kommt es der Gewerkschaft an, um ihre weitere Notwendigkeit unter Beweis zu stellen. Doch für die Mitglieder zählt nicht, dass es diesen Unterschied gibt, sondern einzig und allein, wie groß er für sie ausfällt. Und in dieser Angelegenheit hat das jährliche Tarifrunden-Ritual nichts zu bieten: Der Erfolg der Gewerkschaft ist keiner, der für die Mitglieder zählt. In deren Geldbeutel ist davon nichts zu spüren.“

© HerrKeiner.com  22. Januar 2011