Über das Grubenunglück in der Türkei

Bei einer Diskussion über das schwere Grubenunglück in der Türkei meldete sich ein Gesprächsteilnehmer zu Wort und sagte: „Ich habe in Zeitungsberichten gelesen, dass die in dieser Grube beschäftigten Bergleute schon seit langem damit rechneten, dass es bald zu einem solch großen ‚Unglück‘ kommen musste. Denn nahezu täglich passieren kleinere und größere Arbeitsunfälle, immer wieder gibt es Tote und Schwerverletze, und die zuständigen Aufsichtsbehörden tun nichts, um die Eigentümer der Zeche darauf zu verpflichten, das Arbeiten unter Tage sicherer zu machen. Da stellt sich mir die Frage, warum die betroffenen Bergleute ihre Angelegenheit nicht in die eigenen Hände genommen und ihren Arbeitgeber mit einem Streik dazu gezwungen haben, mit den nötigen Investitionen dafür zu sorgen, dass solche Unfälle nicht mehr passieren?“

„Die gleiche Frage habe ich mir auch gestellt“, sagte darauf ein anderer Diskussionsteilnehmer, „doch ich habe auch in den Zeitungsberichten gelesen, dass die Arbeitskräfte in dieser Region alternativlos von den Arbeitsplätzen in dieser Zeche abhängig gemacht sind, deren Eigentümer das gleich doppelt auszunutzen wissen: Sie zahlen mit durchschnittlich 500 Euro einen Dreckslohn für diese schwere Arbeit und sparen massiv an den Kosten für den Arbeitsschutz, um die Gewinne aus der eingesetzten Arbeit weiter in die Höhe zu treiben. Laut Zeitungsberichten hat sich der Eigentümer der Zeche sogar damit gebrüstet, den Herstellungspreis für eine Tonne Kohle in der letzten Zeit von 130 auf 24 Dollar gesenkt zu haben. Da bleibt den Bergleuten gar nichts anderes übrig als den Versuch zu unternehmen, wirksam dagegen vorzugehen. Schließlich haben sie eine Alternative zum bereitwilligen Sich-Fügen in dieses Abhängigkeitsverhältnis, und das ist nun einmal der Arbeitskampf, auch wenn das ein hohes Risiko für die Streikenden bedeutet.“

„Ich kann den Ausführungen eigentlich nur zustimmen“, meldete sich Herr Keiner zu Wort, „doch die Überlegung, auf die lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen in ihrem Bergwerk mit einem massiven Streik zu reagieren, haben sich die türkischen Bergleute sicher schon selbst gemacht und diesen Gedanken offensichtlich wieder verworfen. Gleiches gilt für ihre Kollegen, die in vergleichbar gefährlichen Arbeitsverhältnissen zu arbeiten haben. Warum sind sie nicht im ganzen Land in den Streik getreten, und zwar so lange, wie sie eine nachprüfbare Verbesserung ihrer Arbeitsverhältnisse erstritten haben?“

„Aber Herr K., davon war doch schon die Rede“, wandte ein anderer Diskussionsteilnehmer ein, „Die Bergleute sind alternativlos von der Lohnzahlung ihrer Zeche abhängig gemacht. Und noch dazu ist immer wieder zu lesen, dass sie kein Risiko eingehen können, weil sie daheim eine Familie zu ernähren haben und deshalb weiter ihrer gefährlichen Arbeit nachgehen müssen.“

„Und jetzt?“ fragte Herr Keiner. „Jetzt haben diejenigen, die sich unter Berufung auf ihre Pflichten als Familienväter allen Anforderungen ihres Arbeitgebers gefügt haben und bei dem Grubenunglück ums Leben gekommen sind, ihre Familien in eine schwere Notlage gebracht: Mit ihrem Tod fehlt mit einem Schlag jede Grundlage, die weitere Existenz ihrer Familien zu gewährleisten. Deshalb stellt sich die Frage“, fuhr Herr K. fort, ob in der vorgebrachten Sorge um das Wohl der Familie doch vielleicht mehr zum Ausdruck kommt: nämlich der Entschluss, sich positiv und gutwillig auf die eingerichteten Abhängigkeitsverhältnisse einzulassen, um die Existenz ihrer Familien zu sichern? Wegen der Versorgung ihrer Lieben daheim keinen Streik riskieren zu wollen, das heißt doch zugleich, auf die herrschenden politischen Verantwortungsträger zu setzen, damit diese ihre ‚Verpflichtung‘ wahrnehmen, das Leben der Bergleute und ihrer Familien zu sichern.“

„Jetzt wird mir einiges klarer“, sagte derjenige, der sich zuvor zu Wort gemeldet hatte. „Es hat ja massive Proteste gegen das Grubenunglück gegeben, aber die fanden alle auf der Straße statt und richteten sich nicht gegen die wirtschaftliche Rechnungsweise, die den Bergleuten zu schaffen macht und die ersichtlich von der Politik geschützt wird. Sie richteten sich gegen eine „verantwortungslose“ Politik, gegen die einer bestimmten Partei, welcher der Vorwurf gemacht wurde, den Tod der Bergleute verschuldet zu haben. Woran zu sehen ist, dass die protestierenden Bergleute mit ihren Familien von dem guten Glauben nicht lassen wollen, dass die Regierenden doch eigentlich für das Wohl der Arbeitnehmer im Lande eintreten müssten, dass es eine andere Partei in ihrem Interesse besser machen müsse.“

„So habe ich das gemeint“, sagte Herr Keiner. „Diese wütenden Proteste gegen eine angeblich verantwortungslose Politik begleiten die Bergwerksunglücke in der Türkei schon seit Jahren. Und immer wieder kommt neue Hoffnung auf, dass andere und neue Verantwortliche es schon richten werden. Deshalb wären die Betroffenen besser beraten, die herrschenden Interessensgegensätze ernst zu nehmen und entsprechend konsequent, wie es die Gegenseite tut, für die eigenen Interessen eintreten. Denn in den türkischen Bergwerken lassen Jahr für Jahr mehr als hundert Arbeiter ihr Leben, Tausende tragen schwere Verletzungen davon, ganz zu schweigen von den Krankheiten, die als ‚beruflich bedingt‘ in ihrem Arbeitsleben fest einkalkuliert sind. Auf diesen ‚Klassenkampf von oben‘ müssen die Bergleute eine passende Antwort finden. Wenn ihnen ihr Leben lieb ist und sie nicht bald das nächste kleinere oder größere ‚Unglück‘ beklagen wollen“, fügte Herr K. hinzu.

© HerrKeiner.com  27. Mai 2014