Fußball und Nationalismus

Zwei Tage nach der Niederlage Deutschlands gegen Italien bei der Europa-Meisterschaft im Fußball fand Herr K. in einer großen deutschen Boulevardzeitung eine bemerkenswerte Mitteilung über einen Mann, der den Lesern auf der ersten Seite des Blattes als „Verlierer des Tages“ präsentiert wurde. Dieser Mann war TV-Nachrichtensprecher, hatte einen italienischen Familiennamen und sich vor dem Spiel Deutschland-Italien den Zorn der Zeitung durch den einen kurzen Satz zugezogen, der da lautete: „Der Bessere möge gewinnen.“

Es war ferner zu lesen, dass der Nachrichtensprecher nach dieser Bemerkung körbeweise „Wutbriefe“ von deutschen Fernsehzuschauern erhalten hatte, was nicht nur auf das vollste Verständnis der Boulevard-Zeitung stieß, sondern diese dazu veranlasste, mit der Einordnung in die Rubrik „Verlierer“ noch eine eigene Schmährede nachzulegen. Als Begründung war zu lesen: „Beim Fußball hört der Spaß auf!“

„Moment mal“, sagte Herr K., „das ist nicht der ‚Fußball‘, den ich kenne und schätze. Denn diese mir bekannte Sportart wird einzig und allein aus Freude am Spiel betrieben, und die erzielten Tore entscheiden darüber, wer am Ende die bessere Mannschaft ist.

Doch offensichtlich gelten bei der Sportart, von der die Boulevard-Zeitung berichtet – andere Regeln. Hier geht es um den Fußball bei einer Europa-Meisterschaft, es geht um den Fußball als National-Sport, und an den Regeln dieser Sportart hat sich der TV-Sprecher versündigt. Für diese Sportart gilt ersichtlich nur die eine Regel, und die ist ebenso unsportlich wie voreingenommen: Nicht die bessere, sondern die eigene Nation hat zu gewinnen!“

Als Herr K. diese Worte sprach, wusste er, dass er sich damit gegen eine weit verbreitete Unsitte aussprach, den sportlichen Wettstreit zwischen den Nationen aus der Warte der eigenen Nation zu verfolgen und entsprechend parteilich Anteil zu nehmen. Er hielt das für falsch, zumal er immer wieder die Erfahrung gemacht hatte, dass der überall anzutreffende Nationalismus zumeist ohne jedes Argument auskam, sich also gar nicht die Frage vorlegte, ob dieses entschiedene Dafür-Sein gute Gründe auf seiner Seite hatte.

„Es wird so getan“, sagte Herr K., „als ob das etwas Naturgegebenes sei, immer entschieden für das Land zu sein, in das man zufällig hineingeboren worden ist.“

Deshalb gab er den Ratschlag: „Man tut gut daran, ein Spiel wie das Balltreten rein sportlich zu nehmen und die nationale Brille beiseite zu legen. Denn so hat man entschieden mehr vom Spiel, hat nicht nur den engen Blick auf die eigene Mannschaft, sondern kann seine Freude daran haben, dass auch die Spieler anderer Länder gut zu kicken verstehen. Man erspart sich zudem die schlechte Stimmungslage, die einen bedrückt, wenn die eigene Mannschaft ein Spiel verliert und dann womöglich vorzeitig aus einem Turnier ausscheidet. Denn rein sportlich gesehen“, fügte Herr Keiner hinzu, „ist ja überhaupt kein Unglück passiert, alles ging seinen spielerischen Gang: Am Ende hat einfach nur der Bessere gewonnen. Glückwunsch!“

© HerrKeiner.com  19. September 2012