Falscher revolutionärer Kampf

Der junge K. wurde eingeladen, eine gleichgesinnte Gruppe von Leuten zu besuchen, die in einem großen Automobilwerk versuchten, die Arbeiter gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse aufzubringen. Die Gruppe hieß „Revolutionärer Kampf“ und suchte den Rat des jungen K. wohl auch deshalb, weil dieser sich nach Meinung der Gruppe darauf verstand, an die Unteren „heranzukommen“. Denn die Lehrlinge des Elektrokonzerns, die inzwischen als Facharbeiter Dienst taten und wegen der Sprengung der Feier nicht belangt worden waren, da sich der Rest der Belegschaft mit ihnen solidarisiert hatte, hatten sich inzwischen in einer Betriebsgruppe organisiert, die eine Zeitung herausgab, die vor den Werkstoren verteilt wurde.

Obwohl der junge K. sich missverstanden sah, was die „Anmache“ von Arbeitern betraf, nahm er die Einladung an. Es war der 1. Mai und er traf die Gruppe bei einem Protest gegen die örtliche Gewerkschaftsführung. Als er auf einem mitgeführten Transparent die Parole sah: „Für die Arbeiter, gegen die Arbeit!“ dachte er: „Welch ein Unsinn!“ Später nahm er einige der Gruppe beiseite und sagte zu ihnen: „Es ist unvernünftig gegen die Arbeit zu sein, denn es muss in allen gesellschaftlichen Verhältnissen gearbeitet werden. Zu kritisieren ist die Arbeit in Form der Lohnarbeit für den Profit, an deren Erfordernisse sich viele Arbeiter angepasst haben. Deshalb sollte man auch nicht vorgeben, für die Arbeiter zu sein, um so den Unterschied zu verwischen, der zwischen dem Denken der Arbeiter und der Gruppe „Revolutionärer Kampf“ besteht.“

Doch als der junge K. bemerkte, dass seine Kritik auf taube Ohren stieß, weil sich die Gruppe offensichtlich eine freundlichere Beratung vorgestellt hatte, verließ er die Versammlung und fuhr wieder heim.

Als der junge K. später gewahr wurde, dass aus den beiden Wortführern der Gruppe später wichtige Politiker geworden waren, der eine von ihnen es sogar zum Außenminister des Landes gebracht hatte, fragte er sich, ob es einen Zusammenhang gab zwischen seinem Treffen mit den beiden und ihrer späteren Berufswahl.

Herr K. kam zu dem Befund: „In einer Hinsicht gibt es sicher keinen Zusammenhang, denn damals waren die beiden gegen, später waren sie für das System, dass sie mit der Betriebsarbeit in dem Automobilwerk bekämpfen wollten. Doch in anderer Hinsicht könnte es sehr wohl einen Zusammenhang geben: Vielleicht war das Bekunden auf dem Transparent, für die Arbeiter zu sein, darauf berechnet, dass diese den Linken kritiklos folgen sollten. Vielleicht haben sie so wenig Wert auf Aufklärung gelegt, weil sie die Arbeiter nicht mit Argumenten überzeugen, sondern für ihre Sache vereinnahmen wollten. Das könnte ein Hinweis darauf sein, warum die beiden nach dem Scheitern ihrer Betriebs-Politik später nicht davor zurückschreckten, wirkliche Politiker zu werden. Dass sie in diesem Job ihrem Anti-Kapitalismus abzuschwören hatten, das hat sie offensichtlich nicht weiter gestört, die Teilhabe an der Macht war ihnen wichtiger“, sagte Herr K.

© HerrKeiner.com  24. Dezember 2011