Europäische Legenden-Bildung

Herr Keiner hörte davon, dass die europäische Staaten-Union mit einem wichtigen Friedenspreis geehrt worden war. Dies sei die Würdigung dessen – so war zu erfahren –, dass die europäischen Staaten Europa von einem „Kontinent des Krieges“ zu einem „Kontinent des Friedens“ umgeformt haben. In der Begründung für die Preisverleihung war sogar von einem „Immunsystem gegen Kriege“ die Rede, das die Europäer mit ihrem Staaten-Bündnis auf den Weg gebracht hätten.

„Das ist starker Tobak“, sagte Herr K. in einer Gesprächsrunde mit Freunden. „Das sieht ja fast so aus, als hätten die Preisverleiher in Oslo diese Lobreden aus den Hochglanzbroschüren abgeschrieben, mit denen die Europäische Union für ihr ‚friedensstiftende Wirken‘ in aller Welt Werbung macht. Sicher“, sagte Herr K., „es ist nicht zu übersehen, dass seit Bestehen des Bündnisses zwischen den großen europäischen Nationen, die jahrhundertelang miteinander verfeindet waren, kein Krieg mehr stattgefunden hat. Es ist aber auch nicht zu übersehen, dass sie gemeinsam einen Krieg gegen das europäische Land Serbien geführt haben, um mit militärischer Gewalt für die ihnen passende Herrschaftsordnung auf dem Balkan zu sorgen.

Statt den nationalen Berechnungen für die neue Bündnislage in Europa nachzugehen, wird allenthalben die frohe Botschaft verbreitet, die europäischen Staaten hätten aus ihrer kriegerischen Vergangenheit die Lehre gezogen, dem Krieg als Mittel der Politik zu entsagen, um mit ihrem Bündnis auf eine friedliche Konfliktaustragung in der Staatenwelt zu setzen.“

Darauf sagte ein Teilnehmer der Diskussionsrunde: „In der Öffentlichkeit kursieren aber auch andere Auskünfte über das europäische Projekt, die etwas von den Berechnungen anklingen lassen, dem Krieg gegeneinander eine Absage zu erteilen. Da ist von den ökonomischen Vorteilen die Rede, welche die beteiligten Nationen aus ihrer Wirtschaftsgemeinschaft und ihrer gemeinsamen Währung ziehen. Jede europäische Nation wäre – auf sich allein gestellt – der Konkurrenz auf dem kapitalistischen Weltmarkt nicht gewachsen und will aus diesem Grund keine kriegerische Auseinandersetzung, welche das neue Bündnis aufs Spiel setzten würde.“

Herr K. antwortete: „Diese Auskunft ist, was die ökonomische Seite des europäischen Bündnisses betrifft, schon näher an der Realität. Doch das Zugeben solcher wirtschaftlichen Berechnungen geht immer einher mit der Behauptung, dass Europa in den Waffen einer friedlichen wirtschaftlichen Konkurrenz – geradezu einzig in der Weltgeschichte – einen Ersatz für die Konkurrenz der Waffen gefunden habe. Das ist offenkundig die Unwahrheit“, sagte Herr K. „Denn es ist ja nicht nur so, dass Soldaten aus europäischen Staaten auf diversen Kriegsschauplätzen dieser Welt im Einsatz sind, der Ruf nach einer eigenen, gesamteuropäischen Armee ist auch schon lange auf der Tagesordnung der Union. Wie aus EU-Kreisen zu vernehmen ist, braucht Europa diesen ‚militärischen Arm‘ dringend, um als ‚handlungsfähiges politisches Subjekt‘ mehr Einfluss in der Staatenwelt zu gewinnen.

Letzteres dürfte auch den Friedenspreis-Verleihern in Oslo nicht unbekannt sein“, fügte Kerr K. hinzu, „doch die haben schon so manchem kriegführenden Politiker – aus den USA, Israel und anderswo – ihren schönen Preis verliehen. Begründung: Mit den richtigen Kriegen zur rechten Zeit lässt sich auch ganz viel Frieden sichern!

So gesehen steht die Preisvergabe an Europa nicht nur in bester Tradition, sie ist auch ein Vertrauensvorschuss für Europas weitere ‚friedenssichernde‘ Zukunft“, sagte Herr K.

© HerrKeiner.com  28. November 2012