Eine aufschlußreiche Botschaft: Gott groß, Mensch klein!

Über die Vorstellung, dass es ein höheres, allmächtiges Wesen gibt, sollte man vernünftigerweise nicht streiten. Denn in der Form des Glaubens macht sich das menschliche Denken immun gegen Kritik: Wie soll man mit Gläubigen über etwas streiten, von dem sie selbst sagen, dass es mit dem Verstand nicht zu erklären ist, dass man an das höhere Wesen glauben, also es sich einbilden muss. Daher ist es kein vernünftiger Einfall, dem Glauben an ein höheres Wesen mit dem Bekenntnis des eigenen Unglaubens entgegenzutreten, also mit einem entschiedenen Atheismus aufzuwarten. Denn über den lässt sich genau so wenig streiten, weil er als bloßer Anti-Glaube die Einbildung der einen mit einer entgegengesetzten Einbildung konfrontiert, also ebenfalls kein Argument auf seiner Seite hat.

Sehr wohl streiten lässt sich über den irdischen Gehalt des Glaubens. Denn mit der Mobilisierung seiner Einbildungskraft, sich ein allmächtiges und allwissendes Wesen vorzustellen, das über seine Taten richtet, kommt der Mensch zu einem äußerst negativen Urteil über sich selbst. Es ist nämlich die logische Konsequenz seines Glaubens, dass sich der Mensch seine Endlichkeit zur Last legt, sich deshalb für ziemlich unwissend und ohnmächtig hält, um sich so allen Ernstes dafür zu kritisieren, „nur“ ein Mensch zu sein.

Mit dieser aus dem Glauben an einen Allmächtigen abgeleiteten Selbst-Kritik ist nicht irgendein realer Defekt des Menschen im Visier. Keine vorhandene Wissenslücke und schon gar nicht die Ohnmacht der Menschen vor denen, die als Arbeitgeber oder als Regierende über ihm stehen und über seine Lebenschancen das Sagen haben. Dagegen könnte man ja versuchen etwas zu tun: Eine Wissenslücke lässt sich schließen und auch die Gründe für ein unerquickliches, „fremdbestimmtes“ Leben lassen sich ermitteln und könnten vielleicht das Interesse wecken, gegen schlechte irdische Verhältnisse anzugehen.

Doch der Mensch, der sein Denken dem Glauben an ein Wesen von absoluter Größe, Güte und noch mehr verschrieben hat, ist in seinem schlechten Urteil über sich selbst sehr grundsätzlich. Was immer er sich im Einzelnen vorwirft, nach Maßgabe der geltenden Gebot irgendetwas Böses verbrochen zu haben, als gläubiger Mensch macht er seine Menschennatur dafür verantwortlich, anfällig für das böse Denken und Tun in seinem Leben zu sein. In der Sprache der Bibel heißt das: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“, wobei Letzteres als chronisch ausgemacht ist, weil: mit dem Makel der Sünde ausgestattet – einer besonderen Art eines genetischen Defekts.

So ist mit dem Entschluss zum Glauben nicht nur das schlechte Gewissen vorprogrammiert, sondern auch – Dank sei Gott! – ein zufriedenstellender Weg gefunden, mit seinem schlechten Gewissen sinnvoll zu leben. Alles, was er tut und lässt, alles, was um ihn herum gesellschaftlich verordnet ist, löst sich entweder in eitles Menschenwerk oder hat seinen Sinn in Gottes unergründlichem Ratschluss. Geht es einem Sünder gut, dankt er Gott für die unverdiente Gnade; geht’s ihm dreckig, so weiß er dies als gerechte Strafe für seine menschliche Kleinheit und Nichtsnutzigkeit zu deuten.

Mit diesem aus der Gottesvorstellung abgeleiteten Bild von der unzulänglichen Menschennatur ist für den Christen der Weg zu einer sachlichen Befassung mit den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen versperrt. Nach den Gründen für Ausbeutung und Elend muss er nicht suchen, er kennt sie bereits: Es ist der Mensch, der sich da vergeht. Also muss der sich bessern, auch wenn das nie so recht gelingen mag. Denn wie gesagt: Der Mensch ist klein, nur der Herrgott ist vollkommen!

Dies ist ein Artikel aus der Zeitung Nicht zu glauben!, die Herr Keiner und andere auf dem Kirchentag verteilt haben.

© HerrKeiner.com  8. Mai 2013