Ein Streik für Tarif-Partnerschaft

Herr Keiner bekam einen Anruf von einem Bekannten aus Hamburg, der wissen wollte, was er von dem Streik bei der Firma Neupack in seiner Stadt halte, der nun schon mehr als drei Monate andauerte und bisher noch zu keinem Ergebnis geführt hatte. Herr K., der von diesem Streik noch nichts gehört hatte, versprach sich kundig zu machen und mit seinem Bekannten das Ergebnis seiner Recherchen zu diskutieren.

Nach Sichtung der verschiedensten Zeitungsartikel, Streik-Infos der Gewerkschaft und Berichten der streikenden Arbeiter kam Herr K. zu dem Ergebnis, dass die Beschäftigten dieser Firma nicht gut beraten waren, sich für einen Arbeitskampf einspannen zu lassen, von dem sie sich keine wirkliche Verbesserung ihrer materiellen Lage versprechen konnten. Denn der streikführenden Gewerkschaft ging es um ihre Anerkennung als „Tarifpartner“, und dieses Ziel suchte sie unter großer Rücksichtnahme auf das Interesse der Gegenseite zu erreichen. Da das bestreikte Unternehmen keinem Unternehmens­verband angehörte, sich folglich auch nicht genötigt sah, mit der Gewerkschaft bindende Tarifverträge abzuschließen, lockte die Gewerkschaft mit dem Angebot eines „schlanken Haustarifvertrages“, dessen Lohn­zahlungen weit unter dem liegen sollten, was der geltende „Branchentarifvertrag“ vorsah.

„Dieses weitreichende Zugeständnis an das Interesse der Gegenseite ist zum Schaden der Beschäftigten, welche die Gewerkschaft zum Streik aufgerufen hat“, ärgerte sich Herr K. „Kaum wird mit dem Beschluss zu einem Arbeitskampf klargestellt, dass die Höhe des zu verdienenden Lohns eine Machtfrage zwischen Kapital und Arbeit ist, wird der Versuch gemacht, dem Austragen dieser Machtfrage aus dem Weg zu gehen und nach Lösungen gesucht, um das Interesse der Lohn­abhängigen mit dem der Kapitalseite ‚verträglich‘ zu machen. Das ist höchst unverträglich für die Interessen der Beschäftigten!“

So ist auch dem Verlauf des Streiks bei der Hamburger Firma Neupack deutlich anzusehen, dass die Gewerkschaft nicht willens war, wirksam gegen eine unternehmerische Praxis vorzugehen, die jede gewerkschaftliche Mitsprache als unzumutbaren Eingriff in die Freiheit des Kapitaleigentümers ansieht und entsprechend bekämpft. Die darauf besteht, den Lohn der Beschäftigten nach eigenem Gutdünken festzulegen, sprich: als ihr Kommandomittel dafür einzusetzen, mehr geldwertes Produkt herstellen zu lassen, als an Lohn für die Beschäftigten gezahlt werden muss. Die sich deshalb auch darauf versteht, den gewerk­schaftlichen Arbeitskampf gezielt ins Leere laufen zu lassen: Die Eigentümer von Neupack konnten ebenso zahlreiche „Streikbrecher“ für sich gewinnen wie sie die nötigen Leiharbeiter anwarben, um die betriebliche Produktion weitgehend ungestört fortsetzen zu lassen.

„Also zeigt sich“ – so ließ Herr K. seinen Hamburger Bekannten wissen –, „dass die lange Dauer dieses Streiks nicht auf eine unversöhnliche Auseinandersetzung um eine spürbare Lohnerhöhung zurückzuführen ist. Im Gegenteil: Streikziel und –verlauf haben die Eigentümer von Neupack in ihrem Interesse bestärkt, keine Vertragsbeziehungen mit der Gewerkschaft nötig zu haben, also keinerlei Zugeständnisse in der Lohnfrage machen zu müssen. Wenn dennoch inzwischen von ‚Gesprächen‘ die Rede ist, die beide Seiten ‚demnächst‘ miteinander führen werden, so ist klar, welche Partei nach diesem Arbeitskampf das Sagen hat: Der Gewinner bestimmt die Regeln, und die Verlierer müssen sich daran halten.

Das ist bedauerlich“, sagte Herr K., „denn der Ausgang dieses Streiks bedeutet für die Beschäftigten: Sie müssen weiter für einen schäbigen Lohn für die Eigner von Neupack arbeiten. Sie hätten gute Gründe für einen Streik, mit dem sie eine wirkliche Verbesserung ihrer Lage durchsetzen.“

Diskussion zum Thema am 11. März in Hamburg.

© HerrKeiner.com  3. März 2013