Der Kommunismus ist tot – Berlin lebt. Und wie!

So sieht das jedenfalls die Illustrierte „Stern“, die in einem Bericht die Stadt Berlin zur „coolsten Hauptstadt“ der Welt gekürt hat. Wie sich Berlin diese Ehrung verdient? Es ist der „Geist der Freiheit“, der seit dem Fall der Mauer das Stadtleben in all seinen Poren durchdringt:

„25 Jahre sind vergangen seit jenen unvergesslichen Nächten, in denen die Menschen auf deiner Mauer tanzten. Heute bist du die lässigste Hauptstadt der Welt. Alle kommen: Feierwütige Easyjet-Jugend und Modemacher, Immobilienhaie, Plattenaufleger, Künstler und solche, die sich dafür halten, Nichtstuer auf der Suche nach sich selbst.“ (Stern Nr. 44/2014)

Sicher, die Zahl dieser illustren Besucher hat seit dem Mauerfall sicher zugenommen. Na und, könnte man meinen und darüber stutzen, dass die „Immobilienhaie“ auch zu denen gehören, die das Stadtleben so „cool“ aussehen lassen. Doch der Stern sieht das so: Überall nur „Aufbruch“.

„Die Hymnen auf die schrundige Abbruch-City der Nachwendezeit sind längst abgesungen. Überall verwandeln sich Brachflächen in Geschäftszentren, der Markt für Luxusimmobilien boomt.“

Jetzt zu fragen, wem das nutzt und wem dieser „Boom“ schadet, das wäre völlig daneben, da wäre man nur ein Miesmacher, der dem „Stern“ seine Bomben-Stimmung versauen will. Dessen Reporter sitzt nämlich in einem Berliner Biergarten, in einer „fröhlichen Trinkergemeinschaft im Schatten alter Bäume, die Luft wie Seide“ und kommt gründlich ins Sinnieren:

„Berlin, wärst du eine Frau: Das wäre einer dieser Momente, in denen man sich in dich verlieben kann.“

Und wie zum Beweis, dass der Volksmund im Recht ist, der da sagt, „dass Liebe blind macht“, kann den Autor des Stern-Berichts nichts, auch gar nichts mehr in seinem Schwärmen für die geliebte Stadt erschüttern. Doch man denke nur, wie die Wortwahl ausgefallen wäre, wenn Ähnliches aus dem früher eingemauerten Ostteil der Stadt zu berichten gewesen wäre:

„In deinen Straßen riecht es nach Hundekacke, und vor deinem Hauptbahnhof sieht es so aus wie in einem Außenbezirk von Bukarest. Dein neuer Flughafen wird immer teurer und nie fertig … Deinen Prachtboulevard Unter den Linden hast du mit Dixi-Klos vollgestellt, damit hier eine U-Bahn zum Kanzleramt gebaut wird, die keiner so richtig braucht.“

Doch das macht nichts, die Liebe verzeiht bekanntlich so manches. Vor allem, wenn sie von dem „Erlebnis der Freiheit“ besoffen gemacht ist, dann wird einem so richtig klar, warum Berlin so sein muss, wie es ist:

„Das Leben ist eine Baustelle. Wer sich selbst ausprobieren möchte, wer Angst vor vorgestanzten Lebensläufen hat – der kommt hierher.“

Hat da jemand irgendetwas Abfälliges über das Leben im früheren Berlin-Ost herausgehört? I wo, es war nur von Berlin im Jahre 25 nach dem Mauerfall die Rede, das eigentlich gar keine kapitalistische Metropole ist, die irgendwie so aussieht wie alle anderen Metropolen. Nein, das „neue Berlin“ ist gar keine Stadt, sondern – so der „Stern“ – ein einziger „Abenteuerspielplatz“. Der Geist der “Freiheit“ macht’s möglich.

 

© HerrKeiner.com  19. Dezember 2014