Der deutsche Innenminister wirbt für „deutsche Leitkultur“: Verlogene „Grundsätze“ für das staatliche Ein- und Ausgrenzen

Um es gleich vorweg zu sagen: Wenn der Innenminister de Maiziere über „ungeschriebene Regeln“ als etwas sinniert, „was uns im Innersten zusammenhält“, also die Deutschen von Ausländern unterscheidet, so kann dabei nur verlogenes Zeugs herauskommen. Denn schließlich weiß dieser Mann nur zu genau, dass es einzig in der Reichweite der staatlichen Macht begründet ist, flächendeckend Land und Leute ihren Regeln zu unterwerfen und mit genauen Vorschriften über das Erlaubte und Verbotene den nationalen Laden „im Innersten“ zusammenzuhalten. Andrerseits: So kann und will das natürlich kein Politiker sagen. Stattdessen wird in den verschiedensten Fassungen die Lüge verbreitet, dass der existente „nationale Zusammenhalt“ den Bürgern, also den Untertanen der Herrschaft, ziemlich genau entsprechen würde. Gerade so, als hätten die Bürger das wegen irgendwelcher gemeinsamer Vorlieben und Gewohnheiten in Auftrag gegeben, dass eine Staatsgewalt auf sie aufpasst und über ihr Leben umfassend bestimmt.

So auch der deutsche Innenminister, der in hierzulande „erprobten und weiterzugebenden Lebensgewohnheiten“ den Grund dafür behauptet, über einen „Zusammenhalt“ zu verfügen, der uns nicht nur von anderswo angesiedelten nationalen Zwangsgemeinschaften unterscheidet, sondern eben auch: „uns“ dazu berechtigt, die Angehörigen andrer Nationen, sofern sie hier bei „uns“ leben, mit einer „deutschen Leitkultur“ zu traktieren.

Ein Beispiel aus der Rubrik „Bekleidungsgewohnheiten“: Sicher, deutsche Frauen laufen nicht verschleiert durch die Gegend, Frauen aus anderen Ländern, die eine Burka tragen, schon. Na und? Soll dieser Unterschied der Bekleidung Beweis dafür sein, was uns Deutsche „im Innersten“ zusammenhält und unser unverschleiertes Gesicht zum Gütesiegel einer „Leitkultur“ machen, der sich die Fremden auf deutschen Boden gefälligst anzupassen haben?

„Im Alltag ist es für uns von Bedeutung, ob wir bei unseren Gesprächspartnern in ein freundliches oder ein trauriges Gesicht blicken. Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.“

Eine interessante Variante von „Offenheit“: Die beschworene Gemeinsamkeit der Deutschen in Sitte und Anstand erfordert die politische Ausgrenzung der Fremden, die nach Maßgabe anderer Anstandsregeln durch die Gegend laufen.

Nächstes Beispiel: Die „Lebensgewohnheiten“ der Deutschen in der Arbeitswelt. Vorweg: Ein Innenminister weiß selbstverständlich auch, dass mit der im Grundgesetz gewährten Freiheit des Privateigentums, dessen Wert in Geld gemessen wird, dem Staatsvolk das Auskommen in einer Klassengesellschaft verordnet ist. Denn diejenigen, die nicht über das nötige Geld verfügen, müssen bekanntlich dafür arbeiten, was heißt: mit wenig Geld für möglichst viel Leistung der unergiebigen Aufgabe nachzukommen, den Reichtum der Besitzer ihrer Arbeitsplätze zu vermehren. Dass erfolgreiches Unternehmertum auch den Staat stärkt, ist ebenfalls kein Geheimnis, sondern wird gerade hierzulande vom „Exportweltmeister Deutschland“ mit Stolz zur Schau getragen.

Doch dass dieser Erfolg der Wirtschaft nur und systematisch auf Kosten der arbeitenden Mehrheit der Bevölkerung zu haben ist, das wird man von einem Politiker selbstredend nicht zu hören kriegen. Gerade weil sie wissen, dass das vom Staat eingerichtete und geförderte Wirtschaftssystem bei den Arbeitenden wie arbeitslos gemachten „Mitbürgern“ andauernd Gründe für Unzufriedenheit schafft, sehen sie sich als „Verantwortungsträger“ in ganz anderer Weise herausgefordert: jeden Tag aufs Neue den „sozialen Zusammenhalt“ zu beschwören und die Lüge eines Gemeinwesen zu verbreiten, dass allen seinen Bürgern entspricht und es mit allen gleichermaßen gut meint. Ein Gemeinwesen, in dem man sich auch als arbeitendes Mitglied dieses Vereins namens Deutschland gut aufgehoben wissen kann.

So auch der deutsche Innenminister, der als weitere deutsche „Lebensgewohnheit“ den „Leistungsgedanken“ zu loben weiß, der „uns“ so erfolgreich von „den anderen“ unterscheidet:

„Wir fordern Leistung. Leistung und Qualität bringen Wohlstand. Der Leistungsgedanke hat unser Land stark gemacht.“

Ein feiner herrschaftlicher Zynismus: Die erfolgreiche Ausbeutung hat Deutschland stark gemacht; das verbindet die Profiteure des Systems mit denen, die für den Erfolg der anderen die abgeforderten Leistungen erbringen müssen. Und eben das – und darauf kommt es de Maiziere vor allem an – adelt „uns Deutsche“: als lebende Vorbilder einer „Leitkultur“, die den Fremden hierzulande klar macht, wo es lang geht. Oder sie eben ausgrenzt und ausweist, wenn sie den deutschen „Lebensgewohnheiten“ nicht genügen.

Motto zusammengefasst: Wir sind nicht Burka! Und: Wir Deutsche sind keine Lau-Malocher!

 

P.S.

Auf SPIEGEL ONLINE war zu lesen, dass de Maiziere mit seinem „rührend-naiven Aufsatz“ versucht habe, den „harten Rechtspopulismus der AfD“ durch einen „Rechtspopulismus mit menschlichem Antlitz a la CDU“ auszubremsen.

Das kann man auch als geistige Vorbereitung für den Fall lesen, dass die „harten Rechten“ demnächst mal einen Brandsatz unter eine Burka schmeißen oder mal wieder einen „leistungsunwilligen“ Penner abfackeln. Unser Innenminister hat damit garantiert nichts zu tun.

© HerrKeiner.com  8. Mai 2017