Christliche Kritik am Kapitalismus

Diese Kritik wird auf dem Kirchentag sicher nicht zu kurz kommen. Denn die herrschende kapitalistische Wirtschaftsweise – freundlich auch „Markt­wirtschaft“ genannt – liefert mit ihren schädlichen Folgen für Mensch und Natur Tag für Tag genügend Stoff, der auch und gerade für einen christlich denkenden Menschen nicht leicht zu verdauen ist. Mit „Hungerlöhnen“, „Ausbeutung der 3.Welt“, „Massenarbeits­losigkeit“, „Zerstörung der natürlichen Lebens­bedingungen“ sowie „irrsinnig hohen Manger-Gehältern“ entsprechen viele Praktiken der Marktwirtschaft nun einmal nicht der Vorstellung, die Christen von einer „gerechten Wirtschaftsordnung“ haben.

Ja und? Kann das nicht mal zu denken geben und die Frage aufkommen lassen, ob die herrschende Wirtschaftsweise nicht vielleicht aus anderem Holz geschnitzt ist, als sich das der gutgläubige Christenverstand vorstellt? Kann man nicht mal innehalten und nachdenken, bevor man wieder – wie auf allen Kirchentagen – mit dem Ruf nach einem „verantwortlichen Wirtschaften“ auf die Welt des Geschäftemachens losgeht? Und zum wiederholten Male den frommen Wunsch ertönen lässt, dass doch bitteschön die „Bedürfnisse des Menschen“ in dieser Wirtschaftsweise mehr Beachtung finden sollten?

Dazu drei Anmerkungen:

1. Wer die herrschende Wirtschaftsweise verbessern will, muss sich zuerst einmal darüber kundig machen, wie sie funktioniert. Er muss die Zwecksetzung dieser Wirtschaftsweise ermitteln und sich ein Urteil darüber machen, in welcher Eigenschaft „der Mensch“ in diesen Verhältnissen gefragt ist. Denn ohne dieses Wissen läuft man schnell Gefahr, mit seinen Verbesserungs­vorschlägen völlig daneben zu liegen, weil die Marktwirtschaft gar nicht nach den Maßstäben funktioniert, die christliche und andere moralische Kritiker ihr gutwillig unterstellen.

2. Das lässt sich an dem geäußerten Wunsch nach einem „verantwortlichen Wirtschaften“ verdeutlichen. Dieser Wunsch kommt auf, weil irgendwie wahrgenommen wird, wie rücksichtslos und zum Schaden für viele Menschen die wirtschaftlichen Ziele der herrschenden Wirtschaftsweise verfolgt werden. Doch anstatt zu fragen, ob diese Rücksichtslosigkeit nicht vielleicht System hat, sprich: aufgrund der Kosten- und Gewinn­rechnung dieser Wirtschaft möglicherweise notwendig ist, denkt man als kritischer Christ einfach: „Das darf doch nicht wahr sein!“, obwohl sich bei genauerem Nachdenken herausstellen könnte, dass es wahr ist, also nicht als Ausnahme, sondern als Regel zu fassen ist.

3. Es ist daher kein Wunder, dass eine christliche Kritik am Kapitalismus immerzu mit dessen „Auswüchsen“ befasst ist, ohne dem nachzugehen, was da jeweils und nach welchen Maßstäben wächst und sich deshalb immer wieder auswächst. Sicher, man kann sich daran klammern, dass manches vom Gesetzgeber eigentlich verboten ist, was sich die Eigentümer der Produktionsstätten im Umgang mit Mensch und Natur so alles herausnehmen. Doch Hallo! Kann man vielleicht auch mal zur Kenntnis nehmen, dass die Gesetze, die diese Wirtschaftsweise schützen, mit diesen „Auswüchsen“ rechnen, deshalb so manches gewähren lassen, manches auch mehr oder weniger lasch verfolgen, bis wieder ein neuer „Skandal“ das kapitalistische Wirtschaftsleben heimsucht? Der heißt im Übrigen in der öffentlichen Berichterstattung so, weil man mit der Kritik an den skandalösen „Auswüchsen“ des wirtschaftlichen Systems auf das System selbst nicht kommen lassen will. Wie auf dem Kirchentag.

Dies ist ein Artikel aus der Zeitung Nicht zu glauben!, die Herr Keiner und andere auf dem Kirchentag verteilt haben.

© HerrKeiner.com  8. Mai 2013