Berliner Mauerfall zum Fünfundzwanzigsten: Legende und Wahrheit der deutschen „Wiedervereinigung“

Noch selten in der Geschichte hat sich ein Sieg des einen Staates über den anderen so volksfreundlich, so menschlich-fürsorglich inszeniert wie dieser Mauerfall, der bekanntlich das Ende des anderen Staates „auf deutschem Boden“ eingeleitet hat. Einzig um die „Befreiung“ des Menschen aus „unmenschlichen“ Verhältnissen soll es gegangen sein, um die „Zusammenführung“ von Menschen, die durch eine „brutale Grenzziehung“ auseinandergerissen waren und nun mit dem Fall der Mauer das erleben durften, was sich der Brandt Willy schon immer gewünscht hatte, dass endlich „zusammenwächst, was zusammengehört“.

Und die Reaktionen der Bevölkerung scheinen den Politikern Recht zu geben: Noch selten in der Geschichte ist das „Zusammenwachsen“ zu einem neuen, erheblich größerem deutschen Staat mit so viel menschlicher Anteilnahme und Freudentränen begleitet worden wie das, was unter dem schönen Titel „Wiedervereinigung“ über die Bühne ging. Denn die meisten Menschen im Land haben es geglaubt – und glauben es auch heute noch –, dass es bei der „Wiedervereinigung“ ganz allein um sie gegangen wäre, um die Verwirklichung ihres „Traums von einem freien und menschenwürdigen Leben“ in einem „freien und geeinten Deutschland“. Wenn es bloß um diese „Wiedervereinigung“ gegangen wäre, die hätte die westliche Bundesrepublik schon in den 50-er Jahren haben können. Das Angebot Stalins zu einem „vereinten, aber neutralem Gesamtdeutschland“ war für die Regierenden in Bonn gar nicht erst der Rede wert, denn die politische Stoßrichtung der „Vereinigung“ war klar: Das vergrößerte Deutschland wollte an Macht und Einfluss in der Staatenwelt gewinnen, es wollte im Bündnis mit den mächtigen Staaten des Westens seinen Wiederaufstieg zu nationaler Größe betreiben – dieses Ziel war mit dem Status der „Neutralität“ nicht zu vereinbaren.

Ganz schön machtbewusst:
Der politische Anspruch auf „Wiedervereinigung“ war der Sache nach eine unmissverständliche Feindschafts-Erklärung

Denn darauf muss man erst einmal kommen: Gleich nach einem verlorenen Krieg, der dem ehemaligen deutschen Reich durch das Machtwort der Sieger-Staaten neue Grenzen verordnet hatte, sich für eine Korrektur der neuen Grenzziehung stark zu machen. Denn nichts anderes bedeutete es, wenn westdeutsche Politiker schon bald nach Ende des Krieges die Parole ausgaben, Deutschland sei als „geteilt“ zu betrachten und sich deshalb den Auftrag erteilten, den durch den Krieg verloren gegangenen Teil des Landes wieder zurückzugewinnen. Diese Grenzziehung noch dazu als „unnatürlich“ auszugeben, war nicht nur ein schlechter Witz, sondern zeigte sehr deutlich, wie machtbewusst die westdeutschen Kriegsverlierer schon bald nach Ende des Krieges wieder zu Werke gingen. Schließlich wissen Politiker am besten, dass in dieser Welt voller Staaten nichts „natürlicher“ ist, als ihre Grenzen gegeneinander mit Gewalt festzulegen und zu behaupten. Genau wie das ehemalige deutsche Reich zu seinen Außengrenzen gekommen ist, welche die BRD-Nachkriegspolitiker in etwa wiederhergestellt wissen wollten: Zur Gründung des Deutschen Reiches 1871 waren schließlich einige „Reichseinigungskriege “ vonnöten (u.a. gegen Österreich und Sachsen), und erst der Sieg über Frankreich sicherte dem Königreich Preußen die Herrschaft über ein „deutsches Reich“, das in dieser Form zuvor gar nicht existierte, sondern aus Ländereien bestand, die von rivalisierenden Fürsten- und Königshäusern beherrscht und immer wieder mit Kriegen überzogenen wurden.

Der politische Opportunismus des „Wiedervereinigungsgebots“: Es richtete sich ausschließlich an die Adresse der kommunistischen Siegermacht

 Von einer Wiedervereinigung mit den „Brüdern und Schwestern“ in Elsass-Lothringen war bezeichnenderweise nie die Rede, als sich die westdeutschen Staatsgründer ihr „Gebot zur Wiedervereinigung“ in die neue, nun demokratische Verfassung hineinschrieben. Kerzen in Schwarzwälder Bauernstuben, Päckchen an unsere „deutschen Mitbürger“ in Straßburg oder Mühlhausen? Das war entschieden nicht im Plan einer deutschen Wiedervereinigung, obwohl das – genauso wie im Fall der sowjetisch besetzten Zone – zu begründen gewesen wäre. (Nur, dass das schon etwas länger zurücklag, dass dieser Landstrich mal zu „uns“ gehörte.) Doch mit den westlichen Siegermächten wollte man keinen Streit, man war ja dabei, den Wiederaufstieg zu neuer deutscher Größe im Bündnis mit den ehemaligen Feinden des deutschen Reiches zu versuchen. Und mit eben diesen war man sich einig, dass schon bald nach Ende des 2.Weltkrieges die „neue Kriegsgefahr“ vom Osten Europas ausging. Was aus Sicht der westlichen Führungsmacht USA bedeutete: Die Partnerschaft mit der kommunistischen Sowjetunion war nur eine kriegsbedingte Ausnahme – ab sofort ist deren Wille und Behauptung als konkurrierende Weltmacht als Angriff auf die Interessen der Staaten des „freien Westen“ zu betrachten. So begann der von den freiheitlichen Staaten angeheizte „Kalte Krieg“ gegen die Staaten des kommunistischen Ostblocks, und in diesem Krieg, der unterhalb der Auseinandersetzung mit Waffengewalt stattfand, hat die Bundesrepublik mit ihrem tatkräftig vorangetriebenen Anspruch auf „Wiedervereinigung“ einen wichtigen Beitrag geleistet..

Was der Mauerfall in Wahrheit zeigt: Die BRD hat den Machtkampf um die Hoheit über das Volk der DDR gewonnen

 Von wegen: Es ging um eine Auseinandersetzung zwischen „Freiheit und Unfreiheit“, um den Kampf zwischen dem „Guten und dem Bösen“ also, der das Schicksal der DDR letztendlich besiegelt hätte. Sicher, so wollen das die machthabenden Politiker gern sehen und wollen auch, dass ihr Volk das so sieht. Doch in Wahrheit haben sie sich auf diese moralischen Lobpreisungen ihrer demokratischen Staatsalternative nie verlassen. Schon in der Anfangsphase des Kalten Krieges hat die Bundesrepublik mit ihrer Doktrin eines „Alleinvertretungsanspruches“ für die Belange des deutschen Volkes weitaus handfestere Maßnahmen unternommen, dem souveränen Nachbarstaat DDR das außenpolitische Agieren so schwer wie möglich zu machen. Gegenüber dem Rest der Staatenwelt wurde unter Androhung von Sanktionen darauf gedrungen, der DDR die Anerkennung als souveräner Staat zu verweigern. Und als sich diese Doktrin auf Dauer nicht erfolgreich in der Welt durchsetzen ließ (der kommunistische Block brachte es auch zu „befreundeten Staaten“ auf der Welt), machte die BRD im zwischenstaatlichen Verhältnis zur DDR in aller Feindseligkeit weiter: Sie sprach der Staatsgewalt der DDR jede Zuständigkeit für das eigene Staatsvolk ab.

„DDR-Bürger galten ebenso wie Bundesbürger als ‚Deutsche im Sinne des Grundgesetzes‘ (Art. 116GG) Daran hielt die Bundesrepublik auch fest, nachdem sie den Alleinvertretungsanspruch aufgegeben hatte.“ (Wikipedia)

Folglich hatten die Bürger des anderen deutschen Staates, die – aus welchen Gründen auch immer – unzufrieden mit dem Leben in ihrem Staat waren, ein Angebot, wie es das sonst auf der Welt nicht gab: Sie waren nicht nur als Flüchtlinge hochwillkommen, sie waren im Grunde gar keine Flüchtlinge, sondern BundesDeutsche, die dahin kamen, wo sie eigentlich hingehörten. Mit allen Rechten und Pflichten eines Staatsbürgers der BRD.

Der „Kanzler der Einheit“ muss es schließlich wissen: Es gehörte ein „mächtiges Umfeld“ dazu, die Mauer zum Einsturz zu bringen

 Die DDR-Opposition war es jedenfalls nicht, welche die Berliner Mauer zum Einsturz brachte. Deren Proteste wurden erst dann so richtig lautstark, als sich abzeichnete, dass die sowjetische Staatsführung nicht den Befehl geben würde, ihren ostdeutschen Besitzstand mit militärischer Gewalt zu sichern. „Gorbi!“, „Gorbi!“ skandierten die Protestierer, weil sie es ganz toll fanden, dass der „reformfreudige“ sowjetische Staatschefmit seiner „Perestroika“ gerade dabei war, den ganzen Zusammenhalt des großen Sowjetreiches in Frage zu stellen. So ließ der damalige Bundeskanzler Kohl verlauten:

„Natürlich waren die Menschen auf den Straßen dabei, aber die hätten nichts bewegt, wenn das Umfeld nicht entsprechend gewesen wäre, wenn Gorbatschow und Bush nicht über Abrüstung verhandelt hätten.“ (Spiegel, 46/2014)

Richtiger gesagt: Wenn nicht die USA schon unter dem Präsidenten Reagan ein gigantisches Aufrüstungsprogramm betrieben hätten mit dem erklärten Ziel, das „letzte Kapitel“ der Geschichte des Kommunismus zu schreiben. Und wenn sich mit Gorbatschow nicht ein Sowjet-Führer gefunden hätte, der sich davon beeindruckt zeigte und den politischen Willen bekundete, durch Versöhnung mit den Feinden im Westen die nationalen Interessen der Sowjetunion besser voranbringen zu können. Und was der deutsche Bundeskanzler auch nicht erwähnt hat: Was mit Hilfe der USA alles unternommen werden musste, um die großen Konkurrenten Deutschlands in Europa – England und Frankreich – davon abzubringen, ihre Gegnerschaft gegen die „Wiedervereinigung“ und damit gegen ein größeres und mächtigeres Deutschland aufrechtzuerhalten. Gesiegt hat schließlich die „Einsicht“, dass mit dem Sieg der BRD über die DDR das gemeinsame Anliegen einer Beseitigung der „kommunistischen Gefahr“ im gesamten Osten Europas ein gutes Stück vorangebracht worden ist.

Das Volk der DDR

 hat für diese „feindliche Übernahme“ ihres Staates eine sehr nützliche Rolle gespielt und mehrheitlich die neuen Herren aus dem Westen mit Applaus empfangen. Das hätte ja auch anders kommen können, wenn der Gedanke aufgekommen wäre, es nicht mehr länger den Herrschenden zu überlassen, darüber zu bestimmen, was aus ihrem Leben wird. Wenn sich der Protest gegen die „Bevormundung“ durch die Oberen der DDR darauf gerichtet hätte, ihre Angelegenheit in die eigenen Hände zu nehmen und gesellschaftliche Verhältnisse durchzusetzen, die allen zugutekommen und deshalb keine herrschaftliche Gewalt mehr brauchen.

Doch dazu ist es bekanntlich nicht gekommen. So haben es die einstigen Untertanen einer „sozialistischen“ Herrschaft lediglich zu einem Austausch der für sie zuständigen Herrschafts-Figuren gebracht. Und sie können nun Tag für Tag erfahren, dass die gewonnene Freiheit auch für die Mehrheit der neuen „Mitbürger“ ihren Preis hat: Der ist in der Welt der Arbeit (Arbeitslosigkeit eingeschlossen), beim Einkauf vieler neuer Dinge, beim Anmieten einer Wohnung, aber auch beim Gebrauch der „Reisefreiheit“ nach den neuen Gesetzen des freien Geldverdienens zu entrichten. Doch keine Partei redet einem dabei rein, jetzt regelt alles „der Markt“, den die nun zuständigen Herrschaften ihren Untertanen verordnet haben. Keine „Bevormundung“? Aber hallo!

© HerrKeiner.com  19. Dezember 2014