Arbeit und Arbeitslosigkeit

Bei einer Diskussion über die Gründe der Arbeitslosigkeit in Europa meldete sich eine Frau zu Wort und sagte: „Ich möchte etwas aus einem Zeitungsbericht zitieren, der von der Pressekonferenz handelt, die der zuständige EU-Kommissar für Arbeit und Soziales unlängst in Brüssel gegeben hat. Denn mir ist beim Lesen dieses Berichts ein Satz aufgefallen, der mir symptomatisch dafür erscheint, wie die politisch Verantwortlichen mit der herrschenden Arbeitslosigkeit in Europa verfahren. In diesem Zeitungsartikel heißt es: So klar der Kommissar bei der Präsentation der Fakten auftrat, so unsicher wirkte er, als er nach den Ursachen gefragt wurde – oder nach den Auswegen. (SZ v. 9.1.13) Diese Reaktion des EU-Kommissars verwundert mich gar nicht“, fuhr die Frau fort, „denn die Ursachen des Arbeitslosigkeit sind eindeutig in den geschäftlichen Kalkulationen der freien Unternehmerschaft zu suchen, deren Streben nach maximaler Rendite von der EU-Kommission gewollt und gefördert wird. Klar, dass diese  Wahrheit von keinem der Verantwortlichen zu vernehmen ist.“

Da meldete sich ein anderer Diskussionsteilnehmer zu Wort: „Ich teile die vorgetragenen Ansichten und möchte noch hinzufügen: „Ich finde es geradezu erschreckend, wie in der Öffentlichkeit immer nur die Arbeitslosigkeit als das große soziale Problem dargestellt und gar nicht nach dem Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Form der Arbeit als Lohnarbeit gefragt wird, in deren Zielsetzung doch die Gründe dafür zu suchen sind, wenn in Europa Millionen von Arbeitskräften überflüssig gemacht werden. Damit wird der Eindruck erweckt, die noch angewandte Arbeit sei das Gute und nur die Arbeitslosigkeit sei das Schlechte in dieser marktwirtschaftlichen Arbeitswelt. So wird die herrschende Wirtschaftsweise gegen ihre schädlichen Folgen für die Arbeitskräfte in Schutz genommen. Dabei war in dem Zeitungsbericht über die Stellungnahme des EU-Kommissars auch noch der bezeichnende Satz zu lesen: „Und diejenigen, die arbeiteten, hätten weniger Geld in der Tasche; das Risiko, in Armut und Ausgrenzung abzurutschen, steige unaufhörlich.“

„Ja“, sagte daraufhin Herr K., „das Schädliche der herrschenden Produktionsweise beginnt nicht erst dann, wenn die Arbeiter aus ihren Diensten für ein Unternehmen entlassen werden oder etwa als Jugendliche erst gar keine Arbeit und damit kein Auskommen finden. Denn man könnte die Sache auch mal so sehen: Wenn es nicht mehr so viel zu tun gibt, wenn die produzierten Güter dank des technischen Fortschritts von immer weniger Leuten in kürzerer Zeit herzustellen sind, wo liegt dann eigentlich das Problem? In vernünftigen ökonomischen Verhältnissen, in denen es um die Versorgung der Menschen mit dem hergestellten materiellem Reichtum geht, wäre das für alle ein Gewinn; alle bräuchten weniger zu arbeiten und hätten mehr freie Zeit für das, was ihnen Spaß macht, zur Verfügung. Doch für die Marktwirtschaft“, so fuhr Herr K. fort, „gilt diese Gleichung nicht, dass weniger Arbeit für die arbeitenden Menschen von Vorteil ist. Denn hier ist der Einsatz der Arbeit dem Gesetz der Rentabilität verpflichtet, hier dient der eingesetzte technische Fortschritt einzig dem Ziel, die aufgewandten Lohnstückkosten zu senken, um so die Rendite des eingesetzten Kapitals zu steigern. Doch die Folgen dieser unternehmerischen Kalkulation machen sich nicht nur in Gestalt steigender Arbeitslosenzahlen bemerkbar; auch diejenigen, die weiter benötigt werden, bekommen zu spüren, dass ihnen der Einsatz „arbeitssparender Technologie“ kein Stück Arbeitsaufwand erspart, sondern ihre Arbeit nur noch produktiver macht –  zum Vorteil der Anwender ihrer Arbeitskraft.“

© HerrKeiner.com  1. Februar 2013