Anti-Amerikanismus

Bei einer Diskussion über die amerikanische Geheimdienst-Affäre brachte Herr Keiner einen Brief ins Gespräch, den Franz-Josef Wagner als Kolumnist der Bild-Zeitung an den Grünen-Abgeordneten Hans-Christian Ströbele geschrieben hatte. Ströbele hatte den amerikanischen Ex-Agenten Snowden zu einem Gespräch in Moskau aufgesucht und die deutsche Regierung aufgefordert, Snowden als Zeugen eines Untersuchungsausschusses nach Deutschland zu laden und ihm politisches Asyl zu gewähren. In dem Brief der Bild-Zeitung an Ströbele hieß es: „Sie sind ein wunderbarer, junger Greis, querköpfig, rebellisch. Sie haben als junger Anwalt Baader-Meinhof verteidigt, Sie haben immer alles infrage gestellt. Mit ihren Fragen haben Sie Deutschland besser gemacht. Ich mag Sie alter Mann.“ Und in einem P.S. war noch hinzugefügt: „Ströbele hat als kleiner Junge dem deutschen Fußballtrainer Sepp Herberger die Hand gedrückt. Ströbele ist Deutschland.“

Daraufhin sagte einer der Diskussionsteilnehmer: „Das verschlägt einem fast den Atem, wie hier ein linker Bundestagsabgeordneter von einem Mitarbeiter einer rechten Boulevard-Zeitung, die ansonsten den Streit zwischen Deutschland und den USA diplomatisch herunter zu kochen sucht, patriotisch vereinnahmt wird. Doch daran ist zu merken, wie tief in der deutschen Seele der Anti-Amerikanismus schlummert, dem Ströbele mit seinem Coup in Moskau Auftrieb verschafft hat.“

„Das sehe ich auch so“, sagte Herr Keiner, „und den Äußerungen von Ströbele ist nicht zu entnehmen, dass er sich an der von ihm entfachten nationalen Aufwallung gestört hat. Denn seine Botschaft im Fall Snowden lautet klipp und klar: Deutschland muss im Geheimdienst-Streit mit den USA die eigenen nationalen Interessen offensiver vertreten. Von dem linken „Anti-Imperialismus“ vergangener Tage, der in dem eigenen Staat genauso wie in der Bündnisvormacht USA seine Gegner sah, ist da nichts mehr zu spüren.“

„Da muss ich energisch widersprechen“, wandte ein anderer Diskussionsteilnehmer ein. „Ich kenne Hans-Christian Ströbele von seiner politischen Tätigkeit in der linken Berliner Szene. Da unterstützt er alle möglichen außerparlamentarischen Aktivitäten und hat auch keine Scheu, zu bestimmten Anlässen mit sehr staatskritischen Gruppierungen zusammen zu arbeiten.“

„Das ist mir bekannt“, erwiderte Herr Keiner, „und das macht Hans-Christian Ströbele sicher zu einer Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Parlamentsabgeordneten. Doch mit seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Parlamentarier hat er sich zugleich darauf verpflichtet, die Interessen der Nation mit der dazugehörigen Wirtschaftsweise voranzubringen. Dafür ist er gewählt, auch wenn er – wie mit seinem Vorstoß in Moskau – einmal mehr beweist, dass seine Vorstellung von der Vertretung deutscher Interessen mit denen der Regierenden nicht unbedingt übereinstimmt.“

„Also ist Ströbele doch nicht dafür verantwortlich zu machen, wenn ihn ein nationalistischer Kolumnist in der Bild-Zeitung in einem Anfall von Anti-Amerikanismus überschwänglich abknutscht“, warf wiederum ein anderer Gesprächsteilnehmer ein.

„Doch, in gewisser Weise schon“, sagte darauf Herr Keiner, „denn mit seiner Aktion in Moskau hat er die verbreitete öffentliche Meinung bestätigt, die in Deutschland das Opfer amerikanischer Geheimdienst-Machenschaften sieht. Wenn Ströbele wenigstens dazu gesagt hätte, dass er auch herausfinden wollte, wie sehr die Geheimdienste der Deutschen mit denen der Amerikaner unter einer Decke stecken. Doch davon war keine Rede. So kann sich Ströbele nicht wundern, wenn er für seinen Vorstoß im Interesse der Nation Beifall von der Bild-Zeitung bekommt. Und als Abgeordneter wird er sich sicher auch über die zahlreichen Wähler-Stimmen freuen, die er mit seiner Aktion in Moskau für seine Partei hinzu gewonnen hat. Das bringt sein Job so mit sich.“

© HerrKeiner.com  11. November 2013