Amerikanische Lauschangriffe

Bei einem Spaziergang durch die Stadt traf Herr Keiner eine Bekannte, die ihn aufgebracht fragte: „Finden Sie das nicht auch eine Unverschämtheit von den Amerikanern, wenn diese einen befreundeten Staat und sogar deren Regierungschefin ausspionieren?“ „Ihre Empörung kann ich nicht teilen“, sagte darauf Herr Keiner, „denn mit dem Hinweis auf das Hintergehen von Freunden soll mir nahegelegt werden, in dieser zwischenstaatlichen Affäre für die deutsche Seite Partei zu ergreifen. Doch die USA und Deutschland sind keine Freunde, das sind weltpolitische Konkurrenten, von denen jeder auf den anderen mit geheimdienstlichen Mitteln aufpasst, um Genaueres über dessen Ambitionen, Machtmittel und den Stand der Konkurrenzbemühungen zu erfahren.“

„Aber diese Staaten sind doch auch noch Verbündete“, antwortete darauf die Bekannte, „und da ist es doch ein ziemlicher Affront gegen einen Staat wie Deutschland, wenn ohne Rücksicht auf dessen Zuständigkeit auf seinem Territorium Bürger wie Politiker umfassend ausspioniert werden.“ „Sicher“, sagte darauf Herr K., „doch dieselben, die sich jetzt über die amerikanischen Spionage-Übergriffe beschweren, haben an anderer Stelle kein Problem damit, mit den amerikanischen Sicherheitsdiensten zusammenzuarbeiten, nämlich dann, wenn es um gemeinsame Interessen gegen „gefährliche Dritt-Staaten“ wie z.B. den Iran oder Russland geht. Da kann vernünftigerweise kein Mitleid mit einer Frau Merkel aufkommen, wenn diese mal selbst von diesen Machenschaften des amerikanischen Geheimdienstes betroffen ist.“

„Das kann ich ja noch nachvollziehen, dass Sie sich nicht wegen des Abhörens der deutschen Kanzlerin über die Machenschaften der Amerikaner aufregen. Doch was ist mit den Millionen von unbescholtenen kleinen Leuten hierzulande, deren Privatsphäre ebenfalls von den USA ausspioniert wird? Muss Deutschland dagegen nicht etwas unternehmen?“ Darauf antwortete Herr Keiner: „Ich sagte schon, Sie sollten aufhören, in dieser zwischenstaatlichen Spionage-Affäre für eine Seite Partei zu ergreifen. Denn so verpassen sie den wirklichen Gehalt dieser Affäre. Denn die Geheimdienste hüben wie drüben haben nichts gegen ‚unbescholtene Bürger‘, die brav ihre Plicht tun und ihre Interessen in Rahmen der gesetzlichen Ordnung verfolgen. Geheimdienstlich von Interesse ist das Ausforschen von ‚staatsfeindlichen Bestrebungen‘, und im Verfolgen dieses Interesses unterscheiden sich die USA und Deutschland nicht voneinander, außer in der Größe und Reichweite ihrer Macht. Als Weltmacht schaffen sich die USA weltweit viele Feinde, also gibt es für sie besonders viel und flächendeckend zu spionieren.“

Als Herr K. sah, dass seine Ausführungen die Bekannte etwas nachdenklich gemacht hatten, fügte er hinzu: „Die politischen Spontis prägten früher einmal den Spruch ‚Legal, illegal, scheißegal!‘ Dieses Motto ist bei den staatlichen Geheimdiensten alltägliche Praxis. Für die Gegnerschaft gegen die herrschenden Verhältnisse gibt es kein Pardon, die ist im Interesse der Staatssicherheit mit allen legalen wie illegalen Mitteln ausfindig zu machen und zu verfolgen. In den USA genauso wie in Deutschland.“

© HerrKeiner.com  11. November 2013