Verharmlosende Attribute

„Mir ist aufgefallen“, sagte Herr K., „dass der herrschenden Wirtschaftsweise oft Eigenschaften beigelegt werden, welche Besonderheiten hervorkehren, mit denen das Allgemeine, der Begriff der Sache, eindeutig verharmlost wird. Das ist nicht so kompliziert, wie es sich anhört“, setzte Herr K. hinzu, als er die verständnislosen Gesichter einiger seiner Zuhörer sah. „Ich möchte auf das auffällige Phänomen hinweisen, dass immer dann, wenn die negativen Folgen dieser Wirtschaftsweise nicht zu übersehen sind, nicht der Kapitalismus als solcher an den Pranger gestellt wird, sondern seine schlechte Ausführung, die in der Beifügung, dem Attribut, zum Ausdruck gebracht wird.

So heißt der Kapitalismus im Rückblick „Manchester-Kapitalismus“, um zu sagen, dass nur der rohe, ungebändigte Kapitalismus der Gründerjahre als verwerflich anzusehen ist. Werden heutzutage ähnliche Phänomene wie damals – viel Arbeit für wenig Lohn – zu einer Massenerscheinung, wird wiederum der Grund nicht in der abverlangten Arbeit für den Profit des Arbeitgebers gesucht, sondern wird der „Rückfall in den Manchesterkapitalismus“ beklagt.

„Jetzt verstehe ich Sie“, sagte einer der Zuhörer, „mit solchen Attributen wird so getan, als wären bei den angerichteten Schäden dieses Systems nicht dessen Regeln, sondern nur bestimmte Ausnahmeerscheinungen am Werk. Wie es auch die Bezeichnung “Turbo-Kapitalismus“ nahelegt, den ich neulich in der Titel­geschichte eines Wochenmagazins gelesen habe. Damit wird so getan, als ob es an der Geschwindigkeit des Profitemachens läge, wenn diese Produktionsweise so viel Unheil anrichtet.“

„Genau das habe ich gemeint“, sagte Herr K. „Gleiches gilt auch für die Wortschöpfungen „Karawanen“– oder „Kasino-Kapita­lismus“: Kaum verlagern Unternehmer zum Wohle ihrer Profitrechnung ihre Produktion ins Ausland, kaum platzt mal wieder eine Spekulationsblase, sind Politiker und Journalisten mit neuen Wortschöpfungen bei der Hand, um die aufkommende Kritik in die richtigen Bahnen zu lenken.

„Wollen Sie damit sagen“, meldete sich ein anderer Teilnehmer der Diskussion zu Wort, „dass solche Wortschöpfungen erfunden werden, um die Menschen als Zeitungsleser oder Wähler bewusst zu täuschen?“

Nein“, sagte  Herr K., „das wollte ich nicht sagen. Die verharm­losende Redeweise muss den Erfindern solcher Wortschöpfungen gar nicht selbst bewusst sein, doch sie eint der gemeinsame Wille: auf das Prinzip dieser Wirtschaftweise nichts kommen zu lassen.

Lesetipp:

Über gutgläubiges Denken

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020