Unternehmerisches Anspruchsdenken

In einer Kneipe stieß Herr Keiner beim Lesen des Luxemburger „Wort“ auf einen ganzseitigen Artikel, der unter der Überschrift „Die Vernichtung unserer Standortvorteile“ entschieden für die Beschleunigung und Verstärkung des Sozialabbaus in Luxemburg Partei ergriff. Der Autor war der Präsident der Luxemburger Bankenvereinigung, der als unerschrockener Vorkämpfer gegen das Soziale schon des Öfteren von sich reden gemacht hatte.

Als Herr K. bemerkte, dass dieser Zeitungsartikel in der Rubrik „Analyse & Meinung“ zu finden war, sagte er einem Bekannten: „Von einer um Wahrheit bemühten Analyse kann ich in dem Artikel von Herrn C. nichts finden, von interessensgeleiteter Meinungsmache allerdings sehr viel. Denn die beigefügte Beteuerung, dass sich der Autor „als Bürger“ ganz viel „große Sorgen“ um die „Zukunft des Landes“ macht, ist als die übliche berufsständische Heuchelei leicht zu durchschauen.

Doch Vorsicht“, sagte Herr K. weiter, „man sollte es sich mit der Entlarvung dieser Heuchelei nicht zu einfach machen. Denn die zur Schau getragene Sorge um das Gemeinwohl kann man auch als Drohung verstehen, was heißt: „Hier spricht der selbstbewusste Vertreter einer Vereinigung, die davon zu profitieren sucht, dass das Wohl des Landes von dem Geschäftserfolg der Finanzbranche tatsächlich ein gutes Stück abhängig gemacht ist.“

Als Herr K. den verständnislosen Gesichtsausdruck seines Bekannten sah, fügte er hinzu: „Sie werden mich sicher besser verstehen, wenn ich Ihnen mal drei kleine Sätze aus dem Artikel des Herrn C. vorlese. Und Sie sollten sich fragen, ob beispielsweise der Präsident der Luxemburger Frisöre mit den hier vorgetragenen ‚Argumenten‘ Gehör finden würde. Diese drei Sätze lauten:

Bei der Unternehmensbesteuerung hört der Spaß dann ganz auf. Luxemburg hat darauf vertraut, dass vernünftig niedrige  Steuersätze große Steuereinnahmen zur Folge haben. Und das hat wunderbar geklappt.

„Ja“, sagte der Bekannte, „jetzt verstehe ich, was sie meinen. Der Präsident der Luxemburger Frisöre würde sich mit der Gleichsetzung seiner Verbandsinteressen mit denen von ‚Luxemburg‘ womöglich nur lächerlich machen. Den Frisören wird auch nicht wie der Finanzbranche ein „Steuerparadies“ geboten, um sie ins Land zu locken und ihnen ihre Geschäftstätigkeit so preisgünstig wie möglich zu gestalten.“

„So ist es“, erwiderte Herr K., „der Luxemburger Bankenpräsident macht nicht wegen seiner schlauen Gedanken von sich reden, sondern einzig wegen der Wichtigkeit der Branche, deren Interessen er vertritt. Nur so kann er es sich leisten, jede kleine steuerliche Mehr-Belastung des Finanzsektors mit einem entschiedenen ‚Hier hört der Spaß auf‘ zu begegnen. Und mit eben dieser Gewichtigkeit tritt er mit der Forderung an, dass andrerseits der ‚Spaß‘ erst richtig loszugehen hat, wenn es gilt, mehr finanzielle Belastungen für die Lohnabhängigen des Landes einzufordern. Der politisch längst betriebene Sozialabbau im Land – für den Scharfmacher aus dem Unternehmerlager sind das alles nur ‚Reförmchen‘, die den Namen ‚Einsparungen‘ gar nicht verdienen. Der unternehmerische Forderungskatalog ist lang und folgt der einen klaren Devise: Das Wohl des Landes ist mit den eingerichteten Lebensstandards der Bevölkerung nicht länger vereinbar!“

Und die Gewerkschaften?

Nach diesen Worten überlegte der Bekannte eine Zeit und sagte dann: „Meines Erachtens verfolgt diese unternehmerische Hetze hauptseitig den Zweck, die Gewerkschaften bei ihrem Versuch in die Defensive zu drängen, gegen den betriebenen Sozialabbau in Wort und Tat Widerspruch einzulegen. Und wie es einem ‚Offenen Brief‘ der Gewerkschaften an Herrn C. vor einigen Monaten zu entnehmen war, habe ich die Befürchtung, dass die Tiraden des Herrn C. Wirkung beim Interessensgegner gezeigt haben. Wenn ich mich richtig erinnere, argumentierten die Gewerkschaften wie mit dem Rücken zur Wand.“

„Das sehe ich ähnlich“, sagte Herr K., „ich habe diesen Brief auch gelesen. Auf diese unverschämten Anforderungen aus dem Unternehmerlager sollte man nicht damit kontern, darauf zu verweisen, immer ‚verantwortungsbewusst‘ gehandelt zu haben und bei den Verhandlungen über die Kollektivträgen in der Finanzbranche mit ‚außerordentlich moderaten Forderungen‘ aufgetreten zu sein. Damit ist dem Präsidenten der Bankenvereinigung nicht zu imponieren. Im Gegenteil. Das bewiesene gewerkschaftliche ‚Verantwortungsbewusstsein‘ versteht dieser geradezu als eine Einladung, das Mitmachen der Gewerkschaften noch weitaus nachhaltiger als bisher im Interesse seiner Branche einzufordern. Denn wie der Bankenpräsident die ‚Verantwortung für das Wohl des Landes‘ buchstabiert, liegt klar auf der Hand. Das ist als Kampfauftrag gegen die Interessen der Lohnabhängigen nicht misszuverstehen.“ Und Herr K. fügte hinzu: „In dieser Lage gibt es nichts zu vermitteln, sondern ‚nur‘ – die Unternehmer machen es den Gewerkschaften vor – konsequent dagegen zu halten.“

Lesetipp:

Herr K. und die Gewerkschaften

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020