Über kleine und große Schulden

Für die kleinen Leute ist das Schulden-Machen die Konsequenz einer Notlage. Das Geld, das sie für das zum Leben Notwendige brauchen, reicht nicht. Wenn die kleinen Leute Schulden bei einer Bank oder Sparkasse machen, können sie ihrer Notlage abhelfen. Doch das kommt sie teuer zu stehen, denn zu ihren sonstigen Zahlungsverpflichtungen kommen die gegenüber der Gläubiger­bank hinzu. Ihre Notlage, die für den Moment behoben war, wird auf Dauer nur noch ärger. Das verdiente Geld, das zum Leben nicht reichte, reicht nun erst recht nicht, da es sich mit den Abzahlungen an die Bank vermindert hat.

Ganz anders ist es um das Schulden-Machen bei den großen Leuten bestellt. Diejenigen, die dem Beruf nachgehen, aus Geld mehr Geld zu machen, verschulden sich nicht, weil sie in einer existentiellen Notlage sind. Sie brauchen mehr Geld, als sie momentan zur Verfügung haben, um durch erfolgversprechende Geschäfte ihren Geldreichtum weiter wachsen zu lassen. Hier sind die Zahlungsverpflichtungen an die Bank kein in Kauf zu nehmendes Unglück, sondern der glückliche Umstand, mit Hilfe der Verschuldung den Umfang der Geschäftstätigkeit zu erweitern.

„Man sollte also immer darauf achten“, sagte Herr Keiner, „über welche Leute man redet, wenn man auf das Schulden-Problem zu sprechen kommt. Die alte Volksweisheit, nach der man das Schulden-Machen tunlichst vermeiden soll, gilt jedenfalls nur für die kleinen Leute. Die Großen können mit ihren Schulden gut leben, mehr noch: Sie sind in der Regel der willkommene Hebel, aus ihrem Geld noch mehr Geld zu machen.“

Lesetipp:

Wirtschaftliche Krise

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020