Über Erziehung

Zu Besuch bei der Frau, die von der Trauminsel kam, wurde Herr Keiner Zeuge, wie diese ihr Kind, einen fünfjährigen Jungen, und ihren frisch erworbenen Hund höchst unterschiedlich behandelte. Mit ihrem Sohn sprach sie wie mit einem jungen Erwachsenen. Sie klärte mit ihm die Planung des Tages, gebrauchte nie den Satz „das darfst du nicht“ und reagierte auch dann sehr sachlich, wenn sie an dem Jungen etwas auszusetzen hatte. Von irgendeiner Art mütterlichen Verhaltens war nichts zu bemerken.

Ganz anders ihr Umgang mit dem kleinen Hund. Diesen fasste sie sehr hart an, drückte ihn an seinen Platz, um ihm das Gehorchen beizubringen und zum Beispiel nicht jeden anzuspringen, der zur Tür hereinkam.

Als die Frau den fragenden Blick von Herrn Keiner bemerkte, klärte sie ihn auf: „Erziehung ist etwas für Tiere, die will man dahin bringen, wo man sie hinhaben will. Ein Kind aber ist ein Mensch, der denken kann. Also setze ich auf die Vernunft des Kindes, um sein Denken zu befördern. Auch wenn er etwas noch nicht versteht, versuche ich, ihm das zu erklären.“

Herr K., der diese Ausführungen über Erziehung mit Freuden vernahm und mit eigenen Augen überprüfen konnte, dass diese Un-Erziehung schon erstaunliche Fortschritte gezeitigt hatte, traf ein paar Tage später auf Herrn G., den befreundeten Lehrer. Er schilderte ihm sein Erlebnis und sah, wie Herr G. bei seinen Worten leicht die Stirn runzelte. Herr G. sagte: „Sicher ist es nicht verkehrt, in der Erziehung von Kindern auch auf die Vernunft zu setzen, doch man muss auch darauf achten, den Kindern ihre Grenzen aufzuzeigen.“

„Welche Grenzen meinen Sie?“, fragte Herr K. zurück, „mir sind im Umgang mit Kindern noch keine begegnet. Oder meinen Sie womöglich die Grenzen, welche die gesellschaftlichen Verhält­nisse vorgeben und an die die Kinder angepasst werden sollen? Meinen Sie die Grenzen, die es gibt, um aus einem denkenden Wesen einen braven Bürger zu machen?“

Herr G. überlegte ob dieser vielen Fragen und sagte zu Herrn K., dass ihm im Moment eine Antwort darauf schwerfiele. Er sagte: „Vielleicht bin ich in meinem Denken befangen durch meine berufliche Tätigkeit als Lehrer. Über diese Absage an Erziehung muss ich erst einmal gründlich nachdenken.“

„Dann tun Sie das“, sagte Herr K. freundlich, und sie verab­schiedeten sich herzlich voneinander.

Lesetipp:

Berufliches Auswärts-Spiel

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020