Über die Systemfrage

Zur Zeit der großen marktwirtschaftlichen Krise fand Herr K. in einer angesehenen Tageszeitung einen Satz, der ihn aufhorchen ließ: „Rückschläge sind kein Grund, an der grundsätzlich segensreichen Wirkung der Marktwirtschaft festzuhalten.“

Warum eigentlich nicht?“, fragte sich Herr K. Vielleicht ist schon die Kennzeichnung „Rückschläge“ eine Beschönigung der ökonomischen Krisenlage, sind die unschönen Folgen der Krise eine immer wiederkehrende Sachgesetzlichkeit dieses markt­wirtschaftlichen Systems und kein vermeidbarer Ausrutscher, wie es von der Zeitung nahegelegt wird?“ Vielleicht wäre es von der Sache her angebrachter, die Systemfrage einmal aufzuwerfen und sie nicht – wie mit dem Glaubensbekenntnis zu der ‚grundsätzlich segensreichen Wirkung der Marktwirtschaft’ – von vorneherein zu unterdrücken?“

Angesichts dieser plumpen Parteinahme für das herrschende marktwirtschaftliche System musste Herr K. zurückdenken an die Zeit, als es im Osten Europas noch eine wirtschaftliche Alter­native zur Marktwirtschaft gab, über deren „Rückschläge“ in den westlichen Zeitungen viel berichtet wurde. Doch diesen Satz hatte er nie gefunden: „Rückschläge sind kein Grund, nicht an der grundsätzlich segensreichen Wirkung der Planwirtschaft festzuhalten.“

Herr K. erinnerte sich genau: Einen derart wohlmeinenden Kommentar zu den negativen Auswirkungen der sozialistischen Planwirtschaft hatte er nie zu Gesicht bekommen. Da war eine andere gedankliche Logik am Werk. Gleich, ob es sich um lange Warteschlangen vor den Verkaufsläden handelte, um eine schlechte Qualität der produzierten Waren oder um überhöhte Preise für sogenannte Luxusgüter – hier war die westliche Presse mit dem Rückschluss auf den schlechten Charakter dieser Wirtschaftsweise immer schnell bei der Hand: nicht das planwirtschaftliche System hatte Fehler, sondern die Planwirt­schaft selbst war der Fehler. So bewies noch jeder aufgedeckte Missstand höchst grundsätzlich die Untauglichkeit des Systems, das war der Beweis, dass eine Planwirtschaft gar nichts richtig machen konnte.“

„Aber Herr K.“, wandte ein Teilnehmer der Diskussionsrunde ein, „wollen Sie etwa damit sagen, dass man den Spieß umdrehen und nun der marktwirtschaftlichen Produktionsweise nachsagen soll, dass sie gar nichts richtig machen kann?“

„Nein“, sagte Herr K., „das wollte ich nicht gesagt haben, denn dann würde man auch nur ein Vor-Urteil bebildern, also nichts wirklich beweisen. Ich wollte dafür plädieren, die Systemfrage offen auszutragen und die Argumente abzuwägen, um damit einer öffentlichen Stimmungsmache zu begegnen, die alles dafür tut, eine Infragestellung ihres Systems erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Lesetipp:

Markt oder Plan

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020